Bundestakt

8. Mai 2026 · 78. Sitzung · 21. Wahlperiode

Gewaltschutzgesetz mit elektronischer Fußfessel

01 / 05

Fußfessel für Gewalttäter kommt

Der Bundestag beschließt das Gewaltschutzgesetz: elektronische Aufenthaltsüberwachung in Hochrisikofällen, verpflichtende Täterarbeit, härtere Strafen bei Verstößen gegen Schutzanordnungen.

02 / 05

Keine Fraktion stimmt dagegen

Selbst die Opposition trägt das Gesetz. Grüne und Linke kritisieren es aber als zu kleinen Schritt: In Spanien gehöre die Fußfessel zu einem Paket von 625 Maßnahmen.

03 / 05

Streit um Selbstbestimmung

Die Linke wirft der Koalition vor, die Fußfessel könne gegen den Willen der Betroffenen angeordnet werden. SPD und Union weisen das zurück: Ohne Antrag der Frau geht nichts.

04 / 05

AfD will Windkraft-Flächenziele kippen

Ein AfD-Gesetzentwurf zur Abschaffung des Windenergieflächenbedarfsgesetzes und ein Ausbau-Moratorium finden keine Mehrheit. Alle anderen Fraktionen lehnen ab.

05 / 05

Energiepolitik unter Dauerfeuer

In der Aktuellen Stunde rechnen Grüne und Koalition gegenseitig ab: Streit um Heizungsgesetz, Redispatch-Vorbehalt und negative Strompreise am 1. Mai.

2Zahlen der Sitzung

So lief der Tag

Sitzungsdauer

5 Std. 51 Min.

Reden

78

Zwischenrufe

404

aus dem Protokoll gezählt

Abstimmungen

1

Redezeit je Fraktion

Näherung über die Wortzahl der Redebeiträge (~110 Wörter pro Minute)

Union
2 Std. 10 Min.
SPD
1 Std. 15 Min.
Grüne
55 Min.
AfD
1 Std. 23 Min.
Linke
37 Min.
Parl. Staatssekretär bei der Bundesministerin für Wirtschaft und Energie
8 Min.

Wer ruft dazwischen?

Zwischenrufe nach verursachender Fraktion, soweit im Protokoll zugeordnet

Union
44
SPD
39
Grüne
135
AfD
143
Linke
43

Die Abstimmungen

Gesetzentwurf zur Verbesserung des Schutzes vor häuslicher Gewalt (Gewaltschutzgesetz, elektronische Aufenthaltsüberwachung und Täterarbeit)

per Handzeichen

Angenommen
UnionSPDGrüneAfDLinke

»Eine Fußfessel warnt, aber eine Strategie schützt.«

Kathrin GebelLinke

Gebel kritisierte am Ende ihrer Rede zum Gewaltschutzgesetz, dass die Koalition sich auf ein einzelnes Instrument stütze, während Spanien 625 Maßnahmen kombiniere. Der Satz fasst die zentrale Kontroverse der Debatte zusammen: Einzelmaßnahme gegen Gesamtstrategie.

Bundestag, 8. Mai 2026 – Gewaltschutz, Windkraft und ein Jahr Energiepolitik-Bilanz

Der Sitzungstag am 81. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus stand im Zeichen eines seltenen Konsenses: Das Gewaltschutzgesetz mit der elektronischen Fußfessel passierte das Parlament ohne Gegenstimme. Danach kehrte die Konfrontation zurück – bei Windkraft, , Mitbestimmung, EU-Finanzrahmen und Energiepolitik.

Gesetzentwurf: Schutz vor häuslicher Gewalt

Carmen Wegge (SPD) eröffnete mit dem Satz „Mir reicht es" und beschrieb Frauen, deren Annäherungsverbot „nur ein Stück Papier" war. Justizministerin Stefanie Hubig nannte zwei Bausteine: Fußfessel und verpflichtende Täterarbeit. Günter Krings (CDU/CSU) forderte zusätzlich ein Sexkaufverbot und Konsequenzen im Sorgerecht. Lena Gumnior und Ulle Schauws (Grüne) hielten das Gesetz für einen „Anfang, aber sicherlich kein Meilenstein" und verwiesen auf Spaniens Gesamtstrategie samt „Nur Ja heißt Ja". Aaron Valent und Kathrin Gebel (Die Linke) warfen der Koalition vor, die Fußfessel könne gegen den Willen der Betroffenen angeordnet werden – was Wegge in einer zurückwies. Die AfD stimmte zu, führte den Anstieg der Fallzahlen aber auf Zuwanderung seit 2015 zurück.

Gesetzentwurf: Abschaffung des Windenergieflächenbedarfsgesetzes

Christian Reck (AfD) nannte das Flächenziel von 2 Prozent „grünen Totalitarismus". Maria-Lena Weiss (CDU/CSU) hielt der AfD einen Widerspruch vor: Erst ein Moratorium bis zur Flächenausweisung fordern, dann das Gesetz abschaffen – „als würde man sagen: Wir warten, bis der Zug nach Fahrplan fährt", ohne Fahrplan. Dunja Kreiser (SPD), Katrin Uhlig (Grüne) und Jörg Cezanne (Die Linke) lehnten ab, kritisierten aber auch Ministerin Katherina Reiche.

Anträge: Städtebauförderung und betriebliche Mitbestimmung

Koalition und Opposition würdigten den Tag der Städtebauförderung; 1 Milliarde Euro stehen 2026 bereit, jeder Euro löst laut Katja Strauss-Köster (CDU/CSU) sieben Euro weitere Investitionen aus. Bei fünf Anträgen der Linken zur Mitbestimmung lehnten Peter Aumer und Martin Plum (CDU/CSU) neue Vetorechte ab; Jan Dieren (SPD) verteidigte Betriebsräte als Gestalter des Wandels.

Aktuelle Stunde: Ein Jahr schwarz-rote Energiepolitik

Michael Kellner (Grüne) griff das geplante Gebäudemodernisierungsgesetz an, das das Verbot fossiler Brennstoffe ab 2045 streiche. Staatssekretär Stefan Rouenhoff verwies auf Netzentgeltsenkung, Stromsteuer und Industriestrompreis.

3Top-Themen

Worum es wirklich ging

Thema 1

Elektronische Fußfessel gegen häusliche Gewalt

Worum es geht

Der Bundestag hat das Gewaltschutzgesetz geändert. Kern ist die elektronische Aufenthaltsüberwachung – die sogenannte Fußfessel – für Täter in Hochrisikofällen häuslicher Gewalt. Bisher konnten Familiengerichte Annäherungs- und Aufenthaltsverbote verhängen, ihre Einhaltung war aber kaum kontrollierbar. Künftig schlägt das System Alarm, wenn ein Täter eine Verbotszone betritt; Betroffene können sich zusätzlich für ein eigenes Warngerät entscheiden. Hinzu kommen verpflichtende soziale Trainingskurse und Gewaltpräventionsberatung für Täter, ein Zugriff der Gerichte auf das Waffenregister und das Recht der Betroffenen, eine Vertrauensperson zur Gerichtsverhandlung mitzunehmen. Nach Angaben aus der Debatte wurden 2024 rund 266.000 Fälle häuslicher Gewalt polizeilich erfasst.

Was heißt das für dich?

Wenn du oder jemand aus deinem Umfeld von einem Partner oder Ex-Partner bedroht wird, kannst du künftig beim Familiengericht einen Gewaltschutzantrag stellen, dessen Verbote technisch überwacht werden. Das Gesetz greift nur auf deinen Antrag – ohne Antrag passiert nichts, und du kannst ihn jederzeit zurückziehen. Du entscheidest selbst, ob du ein eigenes Warngerät trägst oder nur der Täter überwacht wird. Zu Gerichtsterminen darfst du neben einer Anwältin oder einem Anwalt eine Vertrauensperson mitbringen. Ob das System in der Praxis funktioniert, wird nach drei Jahren evaluiert.

Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
CDU/CSU

Die Union bezeichnet das Gesetz als Meilenstein und will die Alarmierungslast von den Opfern nehmen. Sie fordert zusätzlich strengere Strafen, ein Sexkaufverbot nach französischem oder nordischem Modell und eine Berücksichtigung väterlicher Gewalt im Sorge- und Umgangsrecht. Den Familienrichtern spricht sie ausdrücklich Kompetenz und Schulung zu.

»Mit der elektronischen Fußfessel nehmen wir den Opfern die Alarmierungslast ab; denn es ist lebensfremd, zu glauben, sie könnten in jeder Gefahrensituation selbst noch die Initiative ergreifen.«Dr. Günter Krings
SPD

Die SPD sieht in dem Gesetz einen Systemwechsel: Der Blick richte sich endlich auf die Täter statt auf die Schutzpflichten der Frauen. Weitere Gesetze zu digitaler Gewalt, K.-o.-Tropfen, Catcalling und zum Sorge- und Umgangsrecht sollen folgen. Das Selbstbestimmungsrecht der Betroffenen bleibe Grundlage des Verfahrens.

»Die Frau ist zu jedem Zeitpunkt Herrin des Verfahrens, auch im Gewaltschutzgesetz.«Carmen Wegge
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Die Grünen begrüßen jede Verbesserung im Gewaltschutz, halten die Fußfessel aber für eine kleine Interventionsmaßnahme, die nur einen Bruchteil der Täter erreicht. Sie fordern eine Gesamtstrategie nach der Istanbul-Konvention: Prävention, finanzierte Frauenhäuser, standardisierte Risikoanalysen, Fortbildungen und eine Reform des Sexualstrafrechts nach dem Prinzip „Nur Ja heißt Ja".

»Die Fußfessel, ja, sie ist ein Anfang, aber sicherlich kein Meilenstein.«Dr. Lena Gumnior
AfD

Die AfD stimmt dem Gesetz zu und hält die Fußfessel für ein geeignetes Mittel, zweifelt aber am Nutzen von Trainingskursen und Beratungen. Sie führt den Anstieg der Fallzahlen vor allem auf die Zuwanderung seit 2015 und eine andere Sozialisation der Täter zurück und fordert Abschiebungen straffälliger Ausländer sowie harte Strafen.

»Es wird die Lage, wenn überhaupt, aber nur minimalst verbessern, meine Damen und Herren.«Stephan Brandner
Die Linke

Die Linke kritisiert das Gesetz als autoritäre Symbolpolitik ohne strukturelle Lösungen. Sie verweist darauf, dass nur 12 Prozent der Betroffenen überhaupt einen Gewaltschutzantrag stellen und viele noch mit dem Täter zusammenleben. Gefordert werden spezialisierte Gerichte, geschultes Personal, Risikoanalysen, Wohnraum und ökonomische Eigenständigkeit für Betroffene.

»Strukturelle Probleme brauchen strukturelle Lösungen.«Kathrin Gebel

Thema 2

Windkraft-Flächenziele: AfD-Vorstoß abgelehnt

Worum es geht

Die AfD wollte mit einem Gesetzentwurf das Windenergieflächenbedarfsgesetz abschaffen und zusätzlich mit einem Antrag ein bundesweites Moratorium für neue Windenergieanlagen erreichen. Das Gesetz verpflichtet die Bundesländer, bis 2032 rund 2 Prozent ihrer Fläche als Windenergiegebiete auszuweisen; erreichen sie das nicht, sind Windanlagen im Außenbereich baurechtlich privilegiert. Die AfD begründete ihren Vorstoß mit Landschaftszerstörung, Artenschutz, Recyclingproblemen und negativen Strompreisen. Alle anderen Fraktionen lehnten beide Vorlagen ab und hielten der AfD vor, ein Moratorium und die Abschaffung des Gesetzes widersprächen sich.

Was heißt das für dich?

Für dich bleibt zunächst alles, wie es ist: Die Flächenziele gelten weiter, Kommunen und Länder planen weiter Windvorranggebiete aus. Wenn du in einer Gemeinde lebst, in der Windräder geplant sind, entscheidet dein Landkreis oder Regionalverband über die Flächen – nicht der Bundestag. Nach Angaben aus der Debatte stammen rund 30 Prozent des deutschen Stroms aus Windenergie; wo Gemeinden beteiligt sind, fließen Gewerbesteuern und Beteiligungserlöse in die kommunale Kasse. Ob dein Strom günstiger wird, hängt laut Debatte weniger an der Anzahl der Windräder als an Netzen, Speichern und Flexibilität.

Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
CDU/CSU

Die Union lehnt beide Vorlagen ab und wirft der AfD Verhinderungspolitik vor. Sie war nach eigener Aussage schon immer gegen starre Flächenziele für einzelne Erneuerbare, hält Windenergie aber für einen wichtigen Baustein und setzt auf Steuerung, Netzausbau, Speicher, Flexibilität sowie Akzeptanzmaßnahmen wie Abstandsregeln und kommunale Beteiligung.

»Sie sagen: Stoppen! Wir sagen: Steuern! Sie sagen: Abschaffen! Wir sagen: Besser machen!«Dr. Maria-Lena Weiss
SPD

Die SPD verteidigt das Gesetz als Planungssicherheit für Kommunen, Unternehmen und Bürger und verweist auf 30 Prozent Windstromanteil, Arbeitsplätze und kommunale Gewerbesteuereinnahmen. Sie hält die teuerste Energie für die importierte fossile und betont Investitionen in Netze, Speicher und intelligente Steuerung.

»Was Sie „Planwirtschaft“ nennen – und jetzt komme ich zu dem Punkt –, ist in Wahrheit Planungssicherheit für Kommunen, für Unternehmen und für Bürgerinnen und Bürger.«Helmut Kleebank
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Die Grünen halten das Flächenbedarfsgesetz für richtig, weil viele Länder die Ziele für 2032 vorzeitig erreichen. Sie kritisieren gleichzeitig Ministerin Reiche, deren Netzpaket und Redispatch-Vorbehalt den Ausbau ausbremse, und fordern mehr Flexibilität, Speicher, intelligente Netze und bidirektionales Laden.

»Die Lösung ist also nicht, Windkraft zu verbieten oder auszubremsen.«Dr. Alaa Alhamwi
AfD

Die AfD will die Flächenziele abschaffen und den Zubau sofort stoppen. Sie argumentiert mit dem Mehrheitswillen der Bürger vor Ort, Eingriffen in die kommunale Selbstverwaltung, Artenschutzproblemen, nicht recycelbaren Rotorblättern und negativen Strompreisen. Stattdessen setzt sie auf Kernenergie und Kohle als grundlastfähige Quellen.

»Die Bürger haben ein Recht auf den Erhalt ihrer dörflichen Landschaft. Die Bürger haben ein Recht auf ihre Heimat.«Christian Reck
Die Linke

Die Linke lehnt die AfD-Vorlagen ab und nennt Wind an Land gemeinsam mit Photovoltaik die preisgünstigste Energiequelle. Sie fordert Energieversorgung in öffentlicher Hand, mehr Bürgerbeteiligung und Förderung von Energiegenossenschaften und warnt davor, den Ausbau über das Netzpaket auszubremsen.

»Energieversorgung gehört in öffentliche Hand, Bürgerbeteiligung muss gestärkt werden.«Jörg Cezanne

Thema 3

Streit um Heizungen, Netze und Strompreise

Worum es geht

In einer von den Grünen beantragten Aktuellen Stunde zog das Parlament Bilanz nach einem Jahr schwarz-roter Energiepolitik. Im Zentrum stand das geplante Gebäudemodernisierungsgesetz, das das bisherige Heizungsgesetz ersetzen soll. Nach Darstellung der Grünen streicht es das Verbot fossiler Brennstoffe ab dem 1. Januar 2045 und führt stattdessen eine „Biotreppe" mit 60 Prozent erneuerbarem Anteil nur für neue Heizungen ein. Weitere Streitpunkte: der geplante Redispatch-Vorbehalt, wonach neue Anlagen in Netzengpassregionen zehn Jahre keine Entschädigung für Abregelung erhalten sollen, sowie die Ausschreibung von 12 Gigawatt steuerbarer Kraftwerksleistung. Am 1. Mai waren die Börsenstrompreise ins Negative gefallen.

Was heißt das für dich?

Wenn du Mieterin oder Mieter bist, entscheidet weiterhin dein Vermieter über die Heizung – die Grünen warnen, dass du dann sowohl hohe Betriebskosten als auch Umlagen für den Einbau tragen könntest. Wenn du ein Haus besitzt und über eine neue Heizung nachdenkst, ändern sich die Regeln: Nach dem geplanten Gesetz wären auch neue Gasheizungen mit Biogasanteil weiter möglich. Die Koalition verweist auf konkrete Entlastungen: halbierte Übertragungsnetzentgelte, abgeschaffte Gasspeicherumlage und eine gesenkte Stromsteuer für über 600.000 Unternehmen. Für Privathaushalte ist die Stromsteuersenkung dagegen bislang nicht gekommen. Fördermittel für klimafreundliche Heizungen bleiben laut Debatte bestehen.

Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
CDU/CSU

Die Union verteidigt den Kurs als pragmatische Rückkehr zu Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit ohne Aufgabe des Klimaschutzes. Sie verweist auf gesenkte Netzentgelte, Stromsteuersenkung für die Wirtschaft, Industriestrompreis, Geothermie- und Wasserstoffbeschleunigung sowie CO2-Speicherung und will Fehlanreize in der Förderung von Photovoltaik und Wind korrigieren.

»Es darf keine garantierte Vergütung mehr geben für Strom, den niemand braucht.«Dr. Saskia Ludwig
SPD

Die SPD betont eigene Erfolge: die EnWG-Novelle mit Energy Sharing, den Industriestrompreis, das Geothermie-Beschleunigungsgesetz und das CO2-Speicher-Gesetz. Sie will Mieterschutz und auskömmliche Förderung im Gebäudemodernisierungsgesetz sichern und lehnt eine Aufweichung des Emissionshandels ab.

»Wir kündigen nicht nur an – wir setzen um.«Helmut Kleebank
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Die Grünen werfen der Regierung ein fossiles Rollback vor: Das Verbot fossiler Brennstoffe ab 2045 werde gestrichen, die Klimaziele seien so nicht erreichbar. Sie fordern stattdessen einen massiven Speicherausbau, eine Abwrackprämie für Öl- und Gasheizungen mit bis zu 80 Prozent Förderung und wirksamen Mieterschutz beim Heizungstausch.

»Mit diesem Heizungsgesetz sind die deutschen Klimaziele nicht erreichbar; das ist doch völlig klar.«Michael Kellner
AfD

Die AfD hält die Energiewende für gescheitert und fordert deren Beendigung: Rückkehr zur Kernenergie, Nutzung von Kohle und russischem Gas, Abschaffung des Wind-an-Land-Gesetzes, keine CO2-Steuer. Sie beklagt Strompreise, Abwanderung der Industrie und den Verlust von Arbeitsplätzen.

»Wegen Ihrer völlig verkorksten und grandios gescheiterten Energiewende leiden bei uns die Menschen, leiden bei uns die Unternehmen an hohen Strompreisen.«Dr. Malte Kaufmann
Die Linke

Die Linke nennt die Energiepolitik unaufrichtig und sozial ungerecht. Sie rechnet vor, dass Strom aus neuen Wind- und Solaranlagen 11 Cent, aus neuen Gaskraftwerken 30 Cent pro Kilowattstunde koste, und warnt, der Redispatch-Vorbehalt gefährde bereits genehmigte Windprojekte. Mieterinnen und Mieter drohten in eine Kostenfalle zu laufen.

»Ein Jahr schwarz-rote Energiepolitik ist ein Jahr Energiepolitik gegen die Interessen der Menschen, gegen die Beschäftigten und auf Kosten zukünftiger Generationen gewesen.«Jörg Cezanne

4Faktencheck

Behauptungen im Check

Überprüfbare Tatsachenbehauptungen aus der Debatte, recherchiert mit aktuellen Quellen und redaktionell geprüft. Bewertet werden Aussagen, nicht Personen – zur Methodik.

1 / 10
Stephan BrandnerAfD
Irreführend
»Zwei Drittel derjenigen, die dort Schutz suchen, sind Ausländerinnen.«

Brandner begründet in der Debatte zum Gewaltschutzgesetz, warum häusliche Gewalt aus seiner Sicht vor allem ein Problem der Zuwanderung seit 2015 sei.

So haben wir geprüft

Die Größenordnung ist nicht frei erfunden: Die bundesweite Frauenhaus-Statistik von Frauenhauskoordinierung e. V. – die einzige regelmäßige Erhebung zu Frauenhaus-Bewohnerinnen in Deutschland – weist seit Jahren einen hohen Anteil von Frauen mit Migrationsgeschichte aus; Auswertungen dieser Statistik wurden bereits 2020 mit der Formel „zwei von drei Frauen in Frauenhäusern sind Migrantinnen" zusammengefasst. Entscheidend ist aber die Kategorie: Die Statistik erhebt „Herkunft" und „Staatsangehörigkeit" getrennt (Tabellen 16 und 18). „Migrationsgeschichte" umfasst auch Frauen mit deutschem Pass, „Ausländerin" dagegen nur Frauen ohne deutsche Staatsangehörigkeit – die Behauptung setzt beides gleich und überzeichnet damit den Ausländeranteil.

Zweite Einschränkung: Es handelt sich nicht um eine amtliche Vollerhebung, sondern um eine freiwillige Teilnahme-Statistik. Für 2023 beruhte sie auf Angaben zu 6.264 Frauen aus 176 von rund 400 Frauenhäusern; die Zahlen sind also nicht ohne Weiteres auf alle Schutzsuchenden übertragbar.

Dritte und für den Debattenkontext wichtigste Einschränkung: Frauenhausbelegung ist kein Maß für die Verbreitung häuslicher Gewalt. Ins Frauenhaus geht vor allem, wer keine Wohnalternative, kein finanzielles Polster und kein familiäres Auffangnetz hat – die Frauenhauskoordinierung beschreibt für Frauen mit unsicherem Aufenthaltsstatus zudem eigene bürokratische Hürden (etwa Wohnsitzauflagen und Streit um die Kostenerstattung). Wer Aussagen über häusliche Gewalt insgesamt treffen will, muss die Opferstatistik des BKA-Bundeslagebildes Häusliche Gewalt heranziehen, in der die Staatsangehörigkeit der Opfer gesondert ausgewiesen wird (Tabelle 7.7) – nicht die Belegung von Schutzeinrichtungen.

Fazit: Dass unter Schutzsuchenden in Frauenhäusern ein sehr hoher Anteil von Frauen mit Migrationsgeschichte ist, ist belegt. Die Gleichsetzung mit „Ausländerinnen" und die daraus abgeleitete Ursachenzuschreibung auf die Zuwanderung seit 2015 sind durch die Datenlage nicht gedeckt.

Prüfhinweis zur Transparenz: Die exakte Nationalitäten-Tabelle der aktuellen FHK-Statistik 2024 (veröffentlicht 08.09.2025) konnte im Rahmen dieser Recherche nicht vollständig ausgelesen werden. Die präzise Prozentzahl „ohne deutsche Staatsangehörigkeit" ist daher in der FHK-Langfassung, Tabellen 16 und 18, direkt nachzuprüfen. Die Bewertung stützt sich auf die belegbare Unterscheidung der Kategorien und die Methodik der Erhebung, nicht auf einen abweichenden Einzelwert.

Quellen

5Debattenkultur

Wie miteinander geredet wurde

Zwei Skalen von 1 bis 10, gleiche Kriterien für alle Fraktionen: Themenfokus (10 = Redezeit konsequent beim Thema) und Konfrontation (10 = maximal konfrontativer Ton).

CDU/CSU
Themenfokus8/10
Konfrontation5/10

Die Unionsredner blieben inhaltlich meist nah an den Vorlagen und erläuterten Verfahren und Instrumente detailliert, etwa Axel Müller zur Gefährdungsanalyse. Carsten Müller nutzte seine Redezeit im Gewaltschutz-TOP allerdings ausführlich für Vorwürfe gegen die Bilanz der Vorgängerregierung, was zu einem längeren Schlagabtausch mit Paus und Limburg führte.

SPD
Themenfokus8/10
Konfrontation5/10

Beim Gewaltschutzgesetz und in der Städtebauförderung blieb die SPD durchgehend beim Thema und suchte die Zusammenarbeit mit dem Koalitionspartner. In der Windkraft-Debatte griff Dunja Kreiser die AfD dagegen mit Bildern wie „Blutblase in einem Laufschuh" und einer Parteiverbotsforderung deutlich über die Sachebene hinaus an.

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Themenfokus7/10
Konfrontation6/10

Gumnior und Schauws argumentierten beim Gewaltschutz konsequent am Thema mit Verweisen auf das spanische VioGén-System. Chantal Kopf und Ricarda Lang nutzten Redezeit in EU- und Mitbestimmungsdebatten dagegen für längere Passagen zur Person des Kanzlers, Kellner verglich die Ministerin mit einem Vampir und Gollum.

AfD
Themenfokus4/10
Konfrontation8/10

In der Gewaltschutz-Debatte verließ Stephan Brandner das Thema für Bemerkungen über Beliebtheitswerte des Kanzlers und ein Schauspielerehepaar, Knuth Meyer-Soltau für Umfragewerte der SPD. Formulierungen wie „grüner Totalitarismus", „weltdümmste Energiepolitik" und der Zwischenruf, der von der Präsidentin gerügt wurde, prägten den konfrontativen Ton.

Die Linke
Themenfokus7/10
Konfrontation6/10

Valent, Gebel und Conrad blieben beim Gewaltschutzgesetz eng am Text und benannten konkrete Kritikpunkte wie die 12-Prozent-Antragsquote. Lorenz Gösta Beutin musste in der Windkraft-Debatte dagegen zweimal vom Präsidium zum Thema zurückgerufen werden, nachdem er über Migrationspolitik gesprochen hatte.

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