Bundestakt

10. Juli 2026 · 90. Sitzung · 21. Wahlperiode

GKV-Sparpaket, Heizungsgesetz und Diätenstopp

01 / 05

18,5 Milliarden Euro Sparpaket

Der Bundestag beschließt namentlich das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Ohne Gesetz würden die Kassenbeiträge um rund einen Prozentpunkt steigen – bei 5.000 Euro Brutto etwa 25 Euro im Monat.

02 / 05

Heizungsgesetz abgeschafft

Nach einer Geschäftsordnungsdebatte und einem gescheiterten Gang der Linken nach Karlsruhe setzt die Koalition das Gebäudemodernisierungsgesetz auf und beschließt es: Öl- und Gasheizungen bleiben erlaubt.

03 / 05

Streit über das Verfahren

279 Seiten Änderungsanträge, 102 Anträge im Gesundheitsausschuss, zwei Entschließungsanträge kurz vor der Abstimmung: Grüne und Linke sprechen von Chaostagen, die Koalition von intensiver Beratung.

04 / 05

Sport, Polizei, Diäten

Erstes Sportfördergesetz des Bundes, neues Bundespolizeigesetz mit biometrischer Echtzeiterkennung und der Stopp der Diätenerhöhung – die Koalition räumt vor der Sommerpause ab.

05 / 05

Was im Herbst folgt

Die Koalition verspricht Korrekturen bei der Psychotherapie, eine Strukturreform im Gesundheitswesen und die Umsetzung von 34 Koalitionsbeschlüssen – inklusive Attestpflicht ab Tag eins.

2Zahlen der Sitzung

So lief der Tag

Sitzungsdauer

8 Std. 8 Min.

Reden

95

Zwischenrufe

609

aus dem Protokoll gezählt

Abstimmungen

8

Redezeit je Fraktion

Näherung über die Wortzahl der Redebeiträge (~110 Wörter pro Minute)

Union
2 Std. 51 Min.
SPD
1 Std. 49 Min.
Grüne
1 Std. 13 Min.
AfD
1 Std. 45 Min.
Linke
50 Min.

Wer ruft dazwischen?

Zwischenrufe nach verursachender Fraktion, soweit im Protokoll zugeordnet

Union
110
SPD
48
Grüne
218
AfD
183
Linke
50

Die Abstimmungen

1 / 8

Aufsetzung der zweiten und dritten Lesung des Gebäudemodernisierungsgesetzes auf die Tagesordnung

per Handzeichen

Angenommen
UnionSPDGrüneAfDLinke

»Ich denke, man kann auch nicht knapp 20 Milliarden Euro sparen und den Menschen sagen, keiner wird davon was spüren. Das gehört, denke ich, zur Ehrlichkeit auch dazu.«

Nina WarkenCDU/CSU, Bundesministerin für Gesundheit

Warken verteidigte das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz gegen Kritik aus der Opposition, die Belastungen seien einseitig verteilt. Sie räumte damit ein, dass Versicherte und Leistungserbringer die Einsparungen spüren werden.

Bundestag, 10. Juli 2026 – Sparpaket, Heizungswende und ein voller letzter Sitzungstag

Am letzten Sitzungstag vor der Sommerpause räumte die Koalition aus CDU/CSU und SPD ihre großen Vorhaben ab. Zwei Gesetze mit Millionenwirkung – das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz und das Gebäudemodernisierungsgesetz – wurden beschlossen, begleitet von scharfem Streit über das Beratungsverfahren. Dazu kamen ein Bundespolizeigesetz, das erste Sportfördergesetz des Bundes und der Stopp der eigenen Diätenerhöhung.

Zur Geschäftsordnung: Aufsetzung des Gebäudemodernisierungsgesetzes

Steffen Bilger (CDU/CSU) beantragte, die zweite und dritte Lesung auf die Tagesordnung zu setzen, nachdem das Bundesverfassungsgericht die der Linken abgewiesen hatte. Dirk Wiese (SPD) verwies auf die Karlsruher Entscheidung, Irene Mihalic (Grüne) sprach von „Chaostagen“ und einer „Vermeidungsstrategie“. Ina Latendorf (Die Linke) rügte fehlende Informationen zur Klimawirkung. Der Antrag wurde angenommen.

Gesetzentwurf: GKV-Beitragssatzstabilisierung

Albert Stegemann (CDU/CSU) und Ministerin Nina Warken verteidigten das Paket als notwendigen „Paradigmenwechsel“ gegen ein Defizit von 18,5 Milliarden Euro. Dagmar Schmidt (SPD) hob Verbesserungen bei Familienversicherung, Zuzahlungen und Krankengeld hervor. Britta Haßelmann und Janosch Dahmen (Grüne) warnten vor Klinikinsolvenzen und 140.000 gefährdeten Jobs, Heidi Reichinnek (Die Linke) sprach von einer „Axt an der Gesundheitsversorgung“. Die AfD kritisierte das Verfahren und beantragte die . Das Gesetz wurde angenommen.

Gesetzentwurf: Gebäudemodernisierungsgesetz

Sepp Müller (CDU/CSU) feierte „Wahlfreiheit im Heizungskeller“ und die neue . Helmut Kleebank (SPD) erläuterte den geplanten Hochlauf klimaneutraler Brennstoffe bis 2045. Julia Verlinden (Grüne) nannte es „Teuer-Heizen-Gesetz“ und Klimabetrug, Jörg Cezanne (Die Linke) warnte vor einer Kostenfalle. Die AfD forderte die vollständige Abschaffung des Gebäudeenergiegesetzes.

Weitere Beschlüsse und Aktuelle Stunde

Der Bundestag verabschiedete das neue Bundespolizeigesetz mit biometrischer Echtzeitdetektion, das erste Sportfördergesetz mit einer in Leipzig und die Aussetzung der Diätenanpassung. In der von den Grünen beantragten Aktuellen Stunde griff Ricarda Lang die geplante Attestpflicht ab Tag eins an; Simone Borchardt (CDU/CSU) verwies auf strengere Regeln in anderen EU-Staaten.

3Top-Themen

Worum es wirklich ging

Thema 1

GKV-Sparpaket: 18,5 Milliarden Euro Konsolidierung

Worum es geht

Die gesetzliche Krankenversicherung steht laut Bundesregierung vor einem Defizit von 18,5 Milliarden Euro; Prognosen sprechen von 20 Milliarden Euro Lücke bis 2027 und 40 Milliarden Euro bis 2030. Grundlage des Gesetzes sind Vorschläge der von Ministerin Warken eingesetzten FinanzKommission Gesundheit, von deren 66 Empfehlungen laut Union 43 aufgegriffen wurden. Das Paket enthält Deckelungen bei Ärzten, Psychotherapeuten und Rettungsdiensten, höhere Zuzahlungen, eine Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze und einen Herstellerabschlag für die Pharmaindustrie. Im parlamentarischen Verfahren kamen 102 Änderungsanträge und zwei Entschließungsanträge hinzu. Die Abstimmung erfolgte namentlich auf Antrag von Grünen und AfD.

Was heißt das für dich?

Ohne das Gesetz würde der Kassenbeitrag laut SPD zum Jahresende um etwa einen Prozentpunkt steigen – bei 5.000 Euro Monatsbrutto rund 25 Euro mehr für dich. Deine Zuzahlungen für Medikamente steigen einmalig, werden aber laut SPD nicht jedes Jahr weiter dynamisiert; die Belastungsgrenzen für kleine Einkommen bleiben. Bist du in Psychotherapie oder suchst einen Therapieplatz, warnen Grüne und Linke vor längeren Wartezeiten und Praxisschließungen – die Koalition verspricht Korrekturen nach der Sommerpause. Wenn du privat bei einem Partner mitversichert bist, gilt die beitragsfreie Mitversicherung künftig bis zum Kindesalter von zwölf statt sieben Jahren. Und: Krankenkassen müssen ihre Mitglieder bei Beitragserhöhungen laut Kritik der Opposition künftig nicht mehr automatisch informieren.

Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
CDU/CSU

Die Union bezeichnet das Gesetz als notwendige Reaktion auf ein Defizit, das sonst zu Beitragserhöhungen und höheren Arbeitskosten führen würde. Sie betont eine faire Lastenverteilung auf alle Beteiligten und verweist auf kommende Strukturreformen wie Primärversorgung, Notfallreform und Digitalisierung.

»Das Geheimnis der Akzeptanz dieses Gesetzes ist die faire Belastungsstatik.«Albert Stegemann
SPD

Die SPD nennt das Gesetz ausdrücklich keine Reform, sondern eine Notbremse für die Ausgaben. Sie verweist auf durchgesetzte Korrekturen bei Familienversicherung, Zuzahlungen, Krankengeld und Psychotherapie und hätte langfristig eine Bürgerversicherung bevorzugt.

»Dieses Gesetz ist keine Gesundheitsreform. Dieses Gesetz ist auch kein Gesetz, wo nach Verabschiedung die Sektkorken knallen.«Dagmar Schmidt
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Die Grünen sehen einen Bruch mit der solidarischen Lastenverteilung, weil Kostentreiber und Pharmaindustrie geschont würden. Sie warnen vor Klinikinsolvenzen, überlasteten Hausarztpraxen und dem Wegfall psychotherapeutischer Kapazitäten und kündigen Korrekturgesetze an.

»Sie beschließen heute ein Gesetz, das die Beiträge nicht stabilisieren wird.«Britta Haßelmann
AfD

Die AfD lehnt Gesetz und Entschließungsanträge ab und wirft der Koalition ein hektisches Verfahren ohne Kenntnis der Praxisfolgen vor. Sie fordert, 18 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt zu nehmen und die Reform um ein Jahr zu verschieben.

»Dieses Gesetz ist der größte Kahlschlag im Gesundheitswesen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.«Martin Sichert
Die Linke

Die Linke lehnt das Gesetz als Angriff auf die Gesundheitsversorgung ab und kritisiert das Verfahren mit 279 Seiten Änderungsanträgen. Sie fordert stattdessen eine Bürgerversicherung ohne Beitragsbemessungsgrenze, in die alle Einkommensarten einzahlen.

»Mit Ihrer Jastimme zu diesem Gesetz legen Sie heute die Axt an die Gesundheitsversorgung der Menschen in diesem Land.«Heidi Reichinnek

Thema 2

Gebäudemodernisierungsgesetz: Ende des Heizungsgesetzes

Worum es geht

Die Koalition ersetzt die bisherigen Vorgaben des Gebäudeenergiegesetzes durch technologieoffene Regelungen und setzt zugleich die EU-Gebäuderichtlinie um, deren Umsetzungsfrist Ende Mai ablief. Künftig dürfen weiterhin neue Öl- und Gasheizungen eingebaut werden; ab 2029 gilt eine sogenannte Biotreppe mit steigendem Anteil biogener Brennstoffe, ab etwa 2040 löst eine Grüngas- und Grünölquote diese ab und soll 2045 bei 100 Prozent klimaneutralen Brennstoffen liegen. Die Linke hatte gegen die Aufsetzung geklagt, das Bundesverfassungsgericht wies die Organklage ab. Der Normenkontrollrat kritisierte laut AfD-Zitaten die Regeln als überkompliziert, sieht laut Union aber erhebliche Entlastungen.

Was heißt das für dich?

Wenn du ein Haus besitzt, kannst du bei der nächsten Heizung wieder frei wählen: Wärmepumpe, Fernwärme, Biomasse, Stromdirektheizung oder eben Öl und Gas. Entscheidest du dich für Öl oder Gas, musst du ab 2029 mit Beimischungspflichten und laut Opposition mit deutlich steigenden Brennstoffkosten rechnen – Biogas ist laut Linke schon heute mindestens 25 Prozent teurer als Erdgas. Bist du Mieterin oder Mieter, entscheidest du über die Heizung nicht mit, sollst aber geschützt werden: Bei neuen Gas- oder Ölheizungen trägt der Vermieter je 50 Prozent der Biotreppekosten, der CO2-Kosten und der Netzentgelte. Mietest du gewerblich, kritisieren die Grünen, dass dieser Schutz fehlt. Ob am Ende genug Biogas und Bioöl verfügbar sind, ist zwischen Koalition und Opposition offen umstritten.

Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
CDU/CSU

Die Union sieht im Gesetz die Rückkehr zu Wahlfreiheit und Verlässlichkeit im Heizungskeller und verweist auf steigende Wärmepumpenzahlen seit Regierungsantritt. Sie hält die Klimaziele durch Biotreppe und Quote für gesichert und will Gasnetze für die Industrie erhalten.

»Wir ersetzen Bevormundung durch Wahlfreiheit.«Sepp Müller
SPD

Die SPD betont, das bisherige Gesetz sei in der Bevölkerung nicht akzeptiert worden, und traut den Menschen eigene wirtschaftliche und klimafreundliche Entscheidungen zu. Sie verweist auf den geplanten S-förmigen Hochlauf klimaneutraler Brennstoffe und auf den Mieterschutz durch Kostenbeteiligung der Vermieter.

»Wir trauen den Leuten da draußen zu, dass sie klug genug sind, um Entscheidungen zu treffen – im Sinne des Klimaschutzes und im Sinne ihrer eigenen wirtschaftlichen Vorteile.«Angelika Glöckner
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Die Grünen halten das Gesetz für klimapolitisch fatal und verfassungsrechtlich zweifelhaft, weil fossile Brennstoffe über 2045 hinaus erlaubt bleiben. Sie warnen vor steigenden Heizkosten, fortgesetzter Importabhängigkeit und fehlendem Schutz für Gewerbemietende.

»Dieses Teuer-Heizen-Gesetz ist die schlechteste Wirtschaftspolitik aller Zeiten!«Dr. Julia Verlinden
AfD

Die AfD fordert die vollständige Abschaffung des Gebäudeenergiegesetzes und lehnt die Biotreppe als technisch unmöglich und teuer ab. Sie verweist auf Studien und Verbände, die eine flächendeckende Biogasversorgung für nicht realisierbar halten.

»Ihre Biotreppe ist nichts anderes als eine Kostenfalle für Millionen von Menschen.«Marc Bernhard
Die Linke

Die Linke sieht eine Kostenfalle für alle, die weiter mit Öl oder Gas heizen, und kritisiert fehlende Angaben der Regierung zu Klimawirkung und Biogasmengen. Sie fordert mehr Schutz für Mieterinnen und Mieter und hält das Gesetz für verfassungswidrig.

»Dieses Gesetz ist verfassungswidrig und ein sozial- und klimapolitisches Desaster.«Jörg Cezanne

Thema 3

Bundespolizeigesetz: Biometrische Echtzeiterkennung an Bahnhöfen

Worum es geht

Nach mehr als 30 Jahren wird das Bundespolizeigesetz neu gefasst. Es erlaubt unter anderem die Lokalisierung von Mobilfunkkarten, Quellen-Telekommunikationsüberwachung, automatisierte Kennzeichenerfassung, Drohneneinsatz und -abwehr sowie anlasslose Kontrollen in Waffenverbotszonen. Im parlamentarischen Verfahren kam per 23-seitigem Änderungsantrag die KI-gestützte Videoauswertung hinzu: Bewegungsmuster wie Schläge, Messerangriffe oder Stürze ins Gleisbett sollen automatisch Alarm auslösen, zudem wird erstmals biometrische Gesichtsdetektion in Echtzeit auf Bundesebene ermöglicht. Die Bundespolizei erhält außerdem die Zuständigkeit, Abschiebehaft zu beantragen und Abschiebungen zu vollziehen. Eine Kennzeichnungspflicht für Beamte enthält das Gesetz nicht.

Was heißt das für dich?

Wenn du regelmäßig mit dem Zug fährst, wirst du an Bahnhöfen künftig von Kameras erfasst, deren Bilder automatisiert nach auffälligen Bewegungsmustern durchsucht werden. Die Koalition verspricht dir dadurch mehr Sicherheit bei Gewalttaten und schnellere Hilfe bei Stürzen ins Gleisbett. Die Linke warnt dagegen, dass auch harmloses Verhalten – etwa nervöses Auf- und Abgehen bei Zugverspätung – eine Kontrolle auslösen kann. Wer von Racial Profiling betroffen ist, muss mit ausgeweiteten anlasslosen Kontrollen rechnen; eine Kennzeichnungspflicht für Beamte oder Kontrollquittungen gibt es weiterhin nicht. Für ausreisepflichtige Personen kann die Bundespolizei künftig direkt Abschiebehaft beantragen.

Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
CDU/CSU

Die Union sieht einen erheblichen Sicherheitsgewinn und einen Technologieschub für die Bundespolizei. Sie betont ausdrücklich das Vertrauen in die Beamten und dass Kennzeichnungspflicht und Kontrollquittungen nicht im Gesetz stehen.

»Die Bahnhöfe dürfen keine Angsträume sein oder bleiben, liebe Kolleginnen und Kollegen.«Alexander Throm
SPD

Die SPD stellt sich hinter das Gesetz und betont, dass Sicherheitsstandards an Bahnhöfen künftig die Bundespolizei setzt und nicht die Bahnunternehmen. Sie verweist auf richterliche Kontrolle, klare gesetzliche Grenzen und eine Evaluation nach zwei Jahren.

»Wir verbinden das Thema Sicherheit immer mit Rechtsstaatlichkeit: klare gesetzliche Grenzen, richterliche Kontrolle, Evaluation nach zwei Jahren.«Sebastian Fiedler
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Die Grünen hätten einer guten Novelle zugestimmt, lehnen aber die biometrische Echtzeitüberwachung als tiefen Grundrechtseingriff ohne erkennbaren Sicherheitsgewinn ab. Sie kritisieren zudem die Verlagerung von Abschiebeaufgaben auf die Bundespolizei und das Fehlen einer Kennzeichnungspflicht.

»Unsichere Zeiten, meine Damen und Herren, sind eben kein Blankoscheck für den Abbau von Bürgerrechten.«Dr. Irene Mihalic
AfD

Die AfD hält die Modernisierung grundsätzlich für nötig, wendet sich aber gegen die vorgesehenen Vertrauenswürdigkeitsprüfungen für Bewerber, die sie als Gesinnungskontrolle deutet. Sie verknüpft die Debatte vor allem mit Migration und Ausländerkriminalität.

»Multikulturelle Gesellschaften sind multikriminelle Gesellschaften.«Christopher Drößler
Die Linke

Die Linke wertet das Gesetz als autoritären Staatsumbau und lehnt Staatstrojaner, ausgeweitete anlasslose Kontrollen und biometrische Überwachung ab. Sie fordert stattdessen mehr demokratische Kontrolle der Polizei durch Kennzeichnungspflicht und automatisch aktivierte Bodycams.

»Wer Grundrechte abbaut, schafft keine Sicherheit – er schafft einen Staat, vor dem die Menschen sich fürchten müssen.«Clara Bünger

4Faktencheck

Behauptungen im Check

Überprüfbare Tatsachenbehauptungen aus der Debatte, recherchiert mit aktuellen Quellen und redaktionell geprüft. Bewertet werden Aussagen, nicht Personen – zur Methodik.

1 / 10
Albert StegemannUnion
Teilweise belegt
»Projektionen sagen relativ treffsicher voraus, dass die GKV schon im Jahr 2027 ein Defizit von 20 Milliarden Euro aufweisen wird, das bis zum Jahr 2030 auf 40 Milliarden Euro hochläuft.«

Begründung der Notwendigkeit des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes zu Beginn der Debatte.

So haben wir geprüft

Der Kern der Aussage – eine massive, wachsende Finanzierungslücke der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) – ist durch amtliche Quellen belegt, die konkreten Zahlen und vor allem die behauptete Treffsicherheit sind es nicht. Im Gesetzentwurf der Bundesregierung zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (Drucksache 21/6130) ist für 2027 von einer Deckungslücke von 15,3 Milliarden Euro die Rede, die bis 2030 auf rund 40 Milliarden Euro ansteigen könne – die 40-Milliarden-Marke für 2030 stimmt also exakt mit der Regierungsvorlage überein, die 20 Milliarden für 2027 liegen dagegen rund ein Drittel über dem offiziellen Wert. Näher an den 20 Milliarden liegt eine aktualisierte Schätzung des Bundesgesundheitsministeriums, die nach dem starken Ausgabenanstieg im ersten Quartal 2026 von rund 19 Milliarden Euro für 2027 ausgeht – dieselbe Rechnung nennt für 2030 aber rund 44 statt 40 Milliarden Euro. Die genannten Werte kombinieren damit zwei unterschiedliche Rechenstände.

Nicht gedeckt ist die Formulierung „relativ treffsicher“: Die Schätzungen für 2027 reichen von 11,8 Milliarden Euro (IGES-Institut im Auftrag der DAK-Gesundheit, Januar 2026) über 15,3 Milliarden (Gesetzentwurf) bis rund 19 Milliarden (BMG, Juli 2026); für 2030 liegen die Werte je nach Modell zwischen etwa 40 Milliarden und – bei der Beratungsgesellschaft Deloitte – knapp 90 Milliarden Euro. Hinzu kommt, dass selbst die kurzfristigen amtlichen Prognosen wiederholt abwichen: Für 2025 wurde ein durchschnittlicher Zusatzbeitrag von 2,5 Prozent festgelegt, tatsächlich lag er bei rund 2,9 Prozent; für 2026 wurden 2,9 Prozent prognostiziert, erhoben wurden im Schnitt über 3,1 Prozent. Der GKV-Schätzerkreis konnte sich im Oktober 2025 nicht einmal auf eine gemeinsame Ausgabenschätzung für das Folgejahr einigen.

Zu ergänzen ist außerdem: Es handelt sich nicht um ein prognostiziertes tatsächliches Defizit, sondern um eine Deckungslücke ohne Gegenmaßnahmen – ohne Reform wäre sie laut Gesetzentwurf über steigende Zusatzbeiträge (bis rund 4,7 Prozent im Jahr 2030) zu schließen. Im Debattenkontext, in dem die Zahl als Begründung für das Gesetz diente, ist dieser Vorbehalt implizit, er fehlt im Zitat aber ausdrücklich.

Was stimmt: die Größenordnung der Lücke, insbesondere die rund 40 Milliarden Euro für 2030 als Wert der Regierungsvorlage. Was nicht stimmt: die 20 Milliarden Euro für 2027 (offiziell 15,3, aktualisiert rund 19 Milliarden) und die Behauptung, solche Projektionen seien „relativ treffsicher“.

Quellen

5Debattenkultur

Wie miteinander geredet wurde

Zwei Skalen von 1 bis 10, gleiche Kriterien für alle Fraktionen: Themenfokus (10 = Redezeit konsequent beim Thema) und Konfrontation (10 = maximal konfrontativer Ton).

CDU/CSU
Themenfokus8/10
Konfrontation5/10

Die Redebeiträge blieben in Gesundheits-, Heizungs- und Sicherheitsdebatte überwiegend beim Thema, Simone Borchardt beantwortete Zwischenfragen fachlich detailliert. Abschweifungen gab es dort, wo Reinhard Brandl in der Diätendebatte den Erfolg des Tages allgemein bilanzierte und von der Präsidentin zur Sache gemahnt wurde.

SPD
Themenfokus8/10
Konfrontation5/10

Dagmar Schmidt, Lina Seitzl und Helmut Kleebank argumentierten überwiegend sachbezogen und ließen mehrfach Zwischenfragen zu. Christos Pantazis wurde deutlich schärfer und sprach von „oppositionellem Sozialpopulismus“, Dirk Wiese griff in der Geschäftsordnungsdebatte die Ampelzeit der Grünen an.

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Themenfokus6/10
Konfrontation7/10

In der GKV- und Heizungsdebatte blieben Dahmen und Verlinden beim Thema, wurden aber sehr scharf – Dahmen kündigte an, das Gesetz „an Ihr Türschild nageln“ zu wollen. In der von ihnen selbst beantragten Aktuellen Stunde zur Krankschreibung weiteten Lang und Banaszak die Rede auf Kanzlerkritik, Erbschaftsteuer und Kindersofortzuschlag aus, was die Koalition als Themenverfehlung rügte.

AfD
Themenfokus5/10
Konfrontation8/10

In der Wirtschaftsdebatte nutzte die Fraktion die Redezeit ausführlich für Wahlkampfbotschaften zu Landtagswahlen, Migration und Energie, teils weit vom eigenen Antrag entfernt. Martin Sichert warf Abgeordneten vor, „Tausende Menschenleben auf dem Gewissen“ zu haben, Hans-Jürgen Goßner schlug der Union vor, „christlich“ durch „schäbig“ zu ersetzen.

Die Linke
Themenfokus8/10
Konfrontation7/10

Latendorf und Cezanne argumentierten in der Heizungsdebatte konsequent mit Informations- und Begründungspflichten, Julia-Christina Stange blieb in der Aktuellen Stunde beim Thema Arbeitsbedingungen. Heidi Reichinnek und Ates Gürpinar wurden mit Bildern wie „Axt“ und „Kettensäge“ sowie dem Vorwurf, Union-Abgeordnete hätten Pflegekräfte ausgelacht, deutlich konfrontativer.

6Weiterlesen

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