Bundestakt

26. März 2026 · 68. Sitzung · 21. Wahlperiode

Kraftstoffpreise, Wehrbericht und digitale Gewalt

01 / 05

Spritpreis-Paket beschlossen

Der Bundestag verabschiedet das Kraftstoffmaßnahmenpaket: Preiserhöhungen an Tankstellen nur noch einmal täglich um 12 Uhr, Senkungen jederzeit. Dazu kommt eine Beweislastumkehr für Mineralölkonzerne.

02 / 05

Streit um echte Entlastung

Grüne und Linke fordern eine Übergewinnsteuer, die AfD Steuersenkungen. Die Union verweist auf den Tankrabatt 2022: 3 Milliarden Euro Kosten, 70 Prozent landeten bei den Konzernen.

03 / 05

Wehrbericht: 32 Monate Zeit

Wehrbeauftragter Henning Otte legt seinen ersten Jahresbericht vor. 184.194 Soldaten stehen 260.000 Zielgröße gegenüber, der Investitionsstau bei Infrastruktur liegt bei 67 Milliarden Euro.

04 / 05

Digitale Gewalt gegen Frauen

Ein Grünen-Gesetzentwurf will Deepfake-Pornos strafbar machen. Die Koalition lehnt ihn ab und verweist auf ein eigenes Gesetz, das die Justizministerin in die Frühkoordinierung gegeben hat.

05 / 05

Sondervermögen unter Druck

Studien von ifo und IW werfen der Regierung vor, bis zu 95 Prozent der Infrastrukturmilliarden zweckentfremdet zu haben. Die Koalition weist das zurück, eine Verfassungsklage scheitert an fehlenden Stimmen.

2Zahlen der Sitzung

So lief der Tag

Sitzungsdauer

13 Std. 21 Min.

Reden

164

Zwischenrufe

819

aus dem Protokoll gezählt

Abstimmungen

9

Redezeit je Fraktion

Näherung über die Wortzahl der Redebeiträge (~110 Wörter pro Minute)

Union
4 Std. 17 Min.
SPD
2 Std. 20 Min.
Grüne
1 Std. 53 Min.
AfD
3 Std. 12 Min.
Linke
1 Std. 22 Min.
Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages
11 Min.
Parl. Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung
6 Min.

Wer ruft dazwischen?

Zwischenrufe nach verursachender Fraktion, soweit im Protokoll zugeordnet

Union
129
SPD
83
Grüne
165
AfD
356
Linke
85

Die Abstimmungen

1 / 9

Kraftstoffmaßnahmenpaket – Änderung des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen

per Handzeichen

Angenommen
UnionSPDGrüne

»In einer solchen Krise stoppt man Abzocke nicht mit Steuergeld.«

Tilman KubanUnion

Kuban begründete in der Debatte über das Kraftstoffmaßnahmenpaket, warum die Koalition Forderungen nach Tankrabatt, Spritpreisbremse und Steuersenkungen ablehnt. Er verwies auf den Tankrabatt 2022, der 3 Milliarden Euro kostete und zu 70 Prozent bei den Konzernen landete.

Bundestag, 26. März 2026 – Spritpreise, Sicherheitslage und der Streit um Schulden

Ein langer Sitzungstag mit einem roten Faden: Wie schnell kann der Staat auf Krisen reagieren – und wer zahlt dafür? Der Irankonflikt treibt die Energiepreise, die Bundeswehr ringt um Personal, und über dem Ganzen schwebt die Frage, ob die Milliarden aus dem Sondervermögen tatsächlich dort ankommen, wo sie sollen.

Gesetzentwurf: Kraftstoffmaßnahmenpaket

In nur zwei Wochen brachte die Koalition das Paket durch. Kern: das österreichische Modell – Preiserhöhungen an Tankstellen nur noch einmal täglich um 12 Uhr – plus eine Beweislastumkehr, mit der Mineralölkonzerne künftig erklären müssen, wie Preissprünge zustande kommen. Dr. Andreas Lenz (CDU/CSU) sprach von gestärktem Wettbewerb, Armand Zorn (SPD) von Handlungsfähigkeit. Andreas Audretsch (Grüne) kündigte Zustimmung an, nannte das Gesetz aber keine Antwort auf die Krise. Christian Görke (Die Linke) forderte eine sofortige Übergewinnsteuer mit 50 Prozent Satz. Die AfD sprach von Nebelkerzen und verlangte Steuersenkungen. Das Gesetz wurde angenommen.

Anträge der AfD: Gewalt an Schulen

Zwei Anträge, beide abgelehnt. Dr. Götz Frömming und Birgit Bessin (AfD) verknüpften Gewaltzahlen mit Migration. Ansgar Heveling (CDU/CSU) verwies auf die Länderzuständigkeit und das Startchancen-Programm, Saskia Esken (SPD) auf fehlendes pädagogisches Personal. Michael Hose (CDU/CSU), früher Schulleiter, räumte eine auffällige Tätergruppe ein, warnte aber vor Verkürzung auf Herkunft.

Jahresbericht des Wehrbeauftragten

Henning Otte legte seinen ersten Bericht vor: über 4.000 Vorgänge, 184.194 Soldatinnen und Soldaten, 67 Milliarden Euro Investitionsstau. Sein Leitmotiv: „Klar. Kritisch. Konstruktiv.“ Thomas Röwekamp (CDU/CSU) nannte die AfD einen „Totalausfall" bei der Verteidigungsfähigkeit. Desiree Becker (Die Linke) machte sexualisierte Gewalt in der Truppe zum Thema – 430 Erstmeldungen im Jahr 2025.

Gesetzentwurf der Grünen: Bildbasierte sexualisierte Gewalt

Dr. Lena Gumnior (Grüne) warb für die Strafbarkeit von -Pornos. Union und SPD lehnten ab und verwiesen auf das eigene Gesetz gegen digitale Gewalt. Oliver Pöpsel (CDU/CSU) forderte zusätzlich die Speicherung von IP-Adressen.

Aktuelle Stunde: Familienversicherung

Durchgesickerte Überlegungen, die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern zu streichen, lösten heftige Kritik aus. Die Koalition verwies auf die FinanzKommission Gesundheit, deren Vorschläge erst am Montag vorliegen.

3Top-Themen

Worum es wirklich ging

Thema 1

Spritpreise: Was das Kraftstoffpaket wirklich bringt

Worum es geht

Der Krieg im Iran und am Persischen Golf hat die Ölpreise explodieren lassen; laut Abgeordneten sind rund 40 Prozent der Förderanlagen in der Region beschädigt. Die Preise an deutschen Tankstellen stiegen dabei stärker als im europäischen Ausland. Der Bundestag beschloss deshalb in Rekordzeit von zwei Wochen ein Paket: Preiserhöhungen dürfen nur noch einmal täglich um 12 Uhr erfolgen, Senkungen jederzeit. Zusätzlich greift eine Beweislastumkehr – Mineralölkonzerne müssen künftig gegenüber dem Kartellamt begründen, wie Preissteigerungen zustande kommen. Kritiker aus Opposition und Teilen der SPD halten das für zu wenig.

Was heißt das für dich?

Wenn du pendelst, ändert sich an der Zapfsäule zunächst wenig – selbst Befürworter räumen ein, dass das Gesetz nicht direkt Preise senkt. Was sich ändert: Du kannst Preise in Vergleichs-Apps besser einschätzen, weil sie nicht mehr bis zu 50-mal am Tag schwanken. Diesel lag laut Debatte bei 2,30 Euro pro Liter. Ob weitere Entlastungen kommen – Übergewinnsteuer, erhöhte Pendlerpauschale, Spritpreisdeckel – ist in der Koalition offen und wird in einer Taskforce verhandelt. Auch Lebensmittel könnten teurer werden, weil Dünger- und Transportkosten steigen.

Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
CDU/CSU

Die Union setzt auf Wettbewerbsrecht statt Steuergeld. Sie lehnt Tankrabatt, Übergewinnsteuer und Gießkannenlösungen ab und will stattdessen Mehreinnahmen des Staates zielgerichtet zurückgeben. Weitere Maßnahmen sollen in der Koalitions-Taskforce beraten werden.

»Marktmacht darf nicht ausgenutzt werden! Es gibt kein Recht auf Abzocke, meine Damen und Herren.«Andreas Lenz
SPD

Die SPD trägt das Paket mit, drängt aber auf mehr: Sie unterstützt den Vorschlag des Finanzministers für eine Übergewinnsteuer und bringt Spritpreisdeckel nach luxemburgischem Vorbild, eine erhöhte Pendlerpauschale und eine Stromsteuersenkung ins Gespräch. Langfristig setzt sie auf erneuerbare Energien zur Reduzierung von Abhängigkeiten.

»Wir machen damit auch klar, dass Kriege und Krisen keine Anlässe sind, um abzukassieren; das ist eine Frage des Anstands.«Armand Zorn
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Die Grünen stimmen dem Gesetz zu, halten es aber für keine Antwort auf die Größe der Krise. Sie fordern die Abschöpfung von Übergewinnen, transparente Lebensmittelpreise, eine Stromsteuersenkung, ein 9-Euro-Ticket und günstigeres Leasing für E-Autos. Sie kritisieren die Wirtschaftsministerin scharf für ihre Texas-Reise und den Kurs bei erneuerbaren Energien.

»Wir haben eine riesige Öl- und Gaskrise. Und dann haben wir eine Ministerin, die sagt, mehr Öl, mehr Gas wäre die Lösung.«Andreas Audretsch
AfD

Die AfD nennt das Paket Aktionismus und Nebelkerzen. Sie fordert die Streichung der CO2-Steuer und die Senkung der Energiesteuern auf ein Minimum, was den Benzinpreis um 60 Cent senken soll. Zudem verlangt sie die Aufhebung der Russlandsanktionen und den Import russischen Öls und Gases.

»Die Hälfte des Spritpreises sind staatliche Abgaben – die Hälfte!«Leif-Erik Holm
Die Linke

Die Linke fordert die sofortige Scharfschaltung des Übergewinnsteuergesetzes von 2022 mit einem Steuersatz von 50 Prozent. Aus den Einnahmen soll ein Energiekrisengeld von 150 Euro für alle finanziert werden. Sie verweist auf tägliche Zusatzgewinne der Konzerne von 21 Millionen Euro.

»Dieser Selbstbedienungsladen von Aral und Shell mit Zusatzgewinnen von täglich 21 Millionen Euro muss endlich geschlossen werden!«Christian Görke

Thema 2

Bundeswehr: Personal, Material und ein enger Zeitplan

Worum es geht

Der Wehrbeauftragte Henning Otte legte seinen ersten Jahresbericht vor, überschrieben mit „Klar. Kritisch. Konstruktiv." Über 4.000 Vorgänge wurden bearbeitet – meldepflichtige Ereignisse und persönliche Beschwerden aus der Truppe. Zum Jahresende 2025 zählte die Bundeswehr 184.194 aktive Soldatinnen und Soldaten; Ziel sind 260.000 bis Mitte der 2030er-Jahre plus 200.000 Reservisten. Der Investitionsstau bei der Infrastruktur liegt bei 67 Milliarden Euro. Bundesnachrichtendienst und Generalinspekteur nennen 2029 als Jahr mit besonderem Gefährdungspotenzial – das sind noch 32 Monate.

Was heißt das für dich?

Wenn du überlegst, zur Bundeswehr zu gehen, betrifft dich das direkt: Bewerbungsverfahren dauern laut Bericht zu lange, viele Interessierte bekommen zu spät oder gar keine Antwort. Die Abbruchquote liegt bei 20 bis 25 Prozent. Kasernen sind teils sanierungsbedürftig, Soldaten übernachten unter der Woche in Hotels. Gleichzeitig steht die Frage im Raum, ob Freiwilligkeit reicht – 2027 soll das überprüft werden. Für alle anderen gilt: Die Debatte über Wehrpflicht und Musterung wird dich in den kommenden Jahren begleiten.

Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
CDU/CSU

Die Union sieht den Bericht als Arbeitsauftrag und verweist auf Bereichsausnahme, Wehrdienstgesetz und Beschaffungsbeschleunigung als bereits geschaffene Grundlagen. Sie fordert neue Dienstzeit- und Laufbahnmodelle, mehr technischen Wettbewerb bei Beschaffung und wirft der AfD vor, alle relevanten Vorlagen abgelehnt zu haben.

»2029 ist heute näher als die Zeitenwende-Rede aus dem Jahr 2022.«Thomas Erndl
SPD

Die SPD betont die Umsetzung des freiwilligen Wehrdienstes und die Notwendigkeit, gewonnenes Personal auch zu halten. Sie fordert moderne Arbeitsbedingungen, digitale Prozesse und eine digitale Gesundheitsakte bis Ende 2027. Der Anteil von Frauen in der Truppe von 13,71 Prozent sei zu niedrig.

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Die Grünen fordern schnellere Wehrdienstbeschädigungsverfahren für einsatzversehrte Soldaten und kritisieren Verzögerungen beim Digitalisierungsprojekt D-LBO. Sie werben für den Nationalen Veteranentag und verlangen mehr Transparenz des Ministeriums gegenüber dem Parlament.

»Der Minister muss endlich liefern. Es braucht nicht länger nur markige Reden und Ankündigungen.«Niklas Wagener
AfD

Die AfD kritisiert das Tempo des Personalaufwuchses und rechnet vor, dass die Zielgröße bei jährlich 3.000 zusätzlichen Soldaten erst 2051 erreicht würde. Sie lehnt Vielfaltsbeauftragte und Genderprojekte ab und fordert mehr Kämpfer statt Bürokraten sowie ein Liederbuch für die Bundeswehr.

»Wir brauchen mehr Kämpfer und weniger Bürokraten.«Hannes Gnauck
Die Linke

Die Linke lehnt die Brigade Litauen ab und will das Geld stattdessen für Unterkünfte und Sporträume im Inland verwenden. Sie thematisiert den dritten Anstieg extremistischer Vorfälle in Folge – von 204 im Jahr 2023 auf 304 im Jahr 2025 – sowie sexualisierte Gewalt in der Truppe mit 430 Erstmeldungen.

»Minderjährige gehören nicht in die Bundeswehr.«Desiree Becker

Thema 3

Digitale Gewalt: Deepfakes und die Lücke im Strafrecht

Worum es geht

Der Fall der Moderatorin Collien Fernandes hat eine Debatte über sexualisierte Gewalt im Netz ausgelöst. Fast 90 Prozent aller Deepfake-Inhalte sind laut Debatte nicht einvernehmliche Pornografie, ganz überwiegend gegen Frauen gerichtet. Die Grünen legten einen Gesetzentwurf vor, der Paragraf 184k Strafgesetzbuch erweitert und bildbasierte sexualisierte Gewalt unter Strafe stellt. Union, SPD und AfD lehnten ab. Die Koalition verwies auf ein eigenes Gesetz zum Schutz gegen digitale Gewalt, das Justizministerin Hubig in die Frühkoordinierung gegeben hat und das zusätzlich Auskunftsansprüche, Account-Sperren und die Speicherung von IP-Adressen regeln soll.

Was heißt das für dich?

Wenn dein Gesicht in einem gefälschten Porno auftaucht, ist die Rechtslage heute lückenhaft – die Anwältin von Collien Fernandes riet ihr, in Spanien Anzeige zu erstatten. Auch heimliche Aufnahmen in der Sauna oder beim Joggen sollen künftig klarer strafbar sein. Für Betroffene entscheidend ist aber nicht nur das Strafrecht, sondern ob Täter überhaupt identifiziert werden können und ob Plattformen Inhalte schnell löschen. Beides ist bislang mühsam: Du musst selbst melden und Screenshots als Beweise anhängen.

Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
CDU/CSU

Die Union hält den Entwurf für handwerklich unzureichend und zu unbestimmt. Sie verweist auf das kommende Gesetz zum Schutz gegen digitale Gewalt und macht die Speicherung von IP-Adressen zur Bedingung wirksamer Strafverfolgung. Zusätzlich fordert sie ein Sexkaufverbot und die Einstufung von Femiziden als Mord.

»Wer Frauen wirksam vor Gewalt schützen will, muss neben Strafbarkeits- auch Verfolgungslücken schließen.«Martin Plum
SPD

Die SPD betont, dass die Justizministerin bereits seit Monaten an einem umfassenden Paket arbeitet, das Deepfake-Pornos, GPS-Tracker und Account-Sperren erfasst. Sie fordert zugleich einen gesellschaftlichen Kulturwandel und nimmt Männer in die Pflicht, nicht zu schweigen.

»Es braucht keine körperliche Gewalt, um einen Menschen zu zerstören, es reicht ein Foto.«Derya Türk-Nachbaur
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Die Grünen wollen Paragraf 184k StGB erweitern, sodass heimliche sexualbezogene Aufnahmen und Deepfakes erfasst werden. Sie fordern zusätzlich Account-Sperren, Auskunftsansprüche und klare Löschmechanismen sowie ein Sexualstrafrecht nach dem Grundsatz „Nur Ja heißt Ja". Die Vorratsdatenspeicherung lehnen sie ab.

»Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung endet nicht im Internet.«Lena Gumnior
AfD

Die AfD lehnt den Entwurf als unbestimmt und systemwidrig ab. Sie kritisiert den Begriff „Gewalt" für Deepfakes als sprachliche Gleichsetzung mit körperlicher Gewalt und sieht Risiken für politische Satire. Stattdessen verweist sie auf den bestehenden Nachstellungsparagrafen.

»Das Strafrecht ist kein Allheilmittel.«Rainer Galla
Die Linke

Die Linke unterstützt die Richtung des Entwurfs, hält den Begriff der sexualbezogenen Abbildung aber für zu unbestimmt. Sie fordert, dass bereits die Herstellung eines Deepfakes strafbar wird, und verlangt neben Strafrecht vor allem Prävention, Täterarbeit und Schutzräume.

»Femizide sind keine Beziehungstaten; Vergewaltigungen sind keine Missverständnisse; Stalking ist kein Liebesbeweis.«Donata Vogtschmidt

4Faktencheck

Behauptungen im Check

Überprüfbare Tatsachenbehauptungen aus der Debatte, recherchiert mit aktuellen Quellen und redaktionell geprüft. Bewertet werden Aussagen, nicht Personen – zur Methodik.

1 / 10
Andreas LenzUnion
Irreführend
»Übrigens sind 40 Prozent der Förderanlagen in der Region zumindest beschädigt.«

Lenz begründet die anhaltend hohen Kraftstoffpreise mit den Folgen des Konflikts am Persischen Golf.

So haben wir geprüft

Richtig ist, dass im Iran-Krieg tatsächlich Öl- und Gasanlagen am Golf getroffen wurden: Belegt sind unter anderem Angriffe auf die Raffinerie Ras Tanura in Saudi-Arabien, die Al-Ahmadi-Raffinerie in Kuwait und ein Drohnenangriff auf die Ruwais-Raffinerie in Abu Dhabi, dazu schwere Schäden an zwei Anlagen im katarischen Gasaufbereitungszentrum Ras Laffan nach den Angriffen vom 18. März und Treffer auf Irans wichtigstes Gasfeld South Pars.

Für die konkrete Zahl von 40 Prozent findet sich in den recherchierten Quellen jedoch kein Belegt. Im Gegenteil: Eine Satellitenbildauswertung der WirtschaftsWoche in Kooperation mit dem Erdbeobachtungsunternehmen LiveEO kommt zum umgekehrten Befund – sie zeigt die Kriegsschäden im Energie- und Petrochemiesektor der Golfstaaten und deutet darauf hin, dass die Branche außerhalb des Iran eher glimpflich davongekommen ist. Die Schäden sind also stark auf einzelne, namentlich bekannte Anlagen und auf iranisches Territorium konzentriert, nicht flächendeckend über „die Region“ verteilt.

Irreführend ist vor allem die unterstellte Ursache. Der Einbruch der Förderung geht nach Daten der Internationalen Energieagentur (IEA) überwiegend nicht auf zerstörte Förderanlagen zurück, sondern auf die blockierte Straße von Hormus: Die Ölproduktion in der Golfregion schrumpfte um zehn Millionen Barrel pro Tag – acht Millionen Barrel Rohöl und zwei Millionen Barrel Erdölprodukte; vor Kriegsbeginn wurden über die Straße von Hormus täglich etwa 20 Millionen Barrel transportiert. Weil sich die Tanker im Persischen Golf stauten und Lagerkapazitäten fehlten, drosselten einige Ölproduzenten der Region ihre Förderung bereits selbst – ein Transport- und Logistikproblem, kein Schadensproblem an den Anlagen.

Einordnend relevant: Rund um den Sitzungstag kursierten im Netz massiv übertriebene Darstellungen der Zerstörungen. Ein angebliches Satellitenbild brennender Öl-Anlagen in den Golfstaaten war KI-bearbeitet; die tatsächlichen Feuer erreichten bei Weitem nicht das dargestellte Ausmaß. Der Kern der Aussage – beschädigte Anlagen treiben die Preise – trifft einen realen Teilfaktor, die quantitative Zuspitzung auf 40 Prozent und die daraus abgeleitete Preis-Erklärung halten der Prüfung aber nicht stand.

Transparenzhinweis zur Recherche: Es ließ sich keine Primärquelle (Destatis, Bundestags-Drucksache, Wissenschaftliche Dienste, Bundesministerium) finden, die den Anteil beschädigter Förderanlagen in der Golfregion quantifiziert. Woher die Zahl von 40 Prozent stammt und auf welche Abgrenzung von „Region“ und „Förderanlagen“ sie sich bezieht, geht aus dem Protokollzitat nicht hervor. Eine Nachfrage an das Büro des Abgeordneten wäre der nächste Schritt.

Quellen

5Debattenkultur

Wie miteinander geredet wurde

Zwei Skalen von 1 bis 10, gleiche Kriterien für alle Fraktionen: Themenfokus (10 = Redezeit konsequent beim Thema) und Konfrontation (10 = maximal konfrontativer Ton).

CDU/CSU
Themenfokus8/10
Konfrontation6/10

Die Union argumentierte überwiegend sachbezogen, etwa bei Kraftstoffpaket und Wehrbericht, wo Klaus Wiener sogar eigene Bedenken gegen das Gesetz äußerte. In Richtung AfD und Linke wurde es scharf, etwa als Tilman Kuban Janine Wissler Unkenntnis des Steuerrechts vorwarf.

SPD
Themenfokus8/10
Konfrontation6/10

Die SPD blieb meist beim Thema und benannte offen Differenzen zur eigenen Regierung, etwa Sebastian Roloff beim Spritpreisdeckel. Gegenüber der AfD wurde der Ton deutlich schärfer, etwa Mahmut Özdemirs Wortspiel über den Namen des Vorredners Weiser.

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Themenfokus7/10
Konfrontation7/10

Die Grünen lieferten inhaltliche Alternativvorschläge, etwa bei Übergewinnsteuer und Datenrecht, schweiften aber mehrfach ab – Ricarda Lang nutzte die Debatte über Sicherheitsbeauftragte für eine Generalabrechnung mit der Wirtschaftsministerin. Angriffe auf Katherina Reiche und Christoph Ploß waren durchgehend polemisch.

AfD
Themenfokus4/10
Konfrontation9/10

Die AfD verknüpfte nahezu jedes Thema mit Migration – von Gewalt an Schulen über Wohnungslosigkeit bis zur Krankenversicherung. Gottfried Curios Rede zu muslimischem Leben bestand überwiegend aus pauschalen Zuschreibungen, Martin Reichardt konterte eine Zwischenfrage mit einem Hinweis auf Kinderpornografie-Vorwürfe gegen einen namentlich nicht genannten Abgeordneten.

Die Linke
Themenfokus7/10
Konfrontation7/10

Die Linke brachte konkrete Forderungen wie Energiekrisengeld und Beitragsbemessungsgrenze ein. In den Debatten zu muslimischem Leben und Gewalt an Schulen dominierten jedoch scharfe Abrechnungen mit der AfD, etwa Maik Brückners Empfehlung, sie solle sich andere Hobbys suchen.

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