8. Oktober 2026 · 99. Sitzung · 21. Wahlperiode
Einkommensteuerreform 2027 und Steuergerechtigkeit
10 Milliarden Euro Entlastung
Finanzminister Klingbeil bringt die Einkommensteuerreform 2027 ein: höherer Grundfreibetrag, mehr Kindergeld, neue Steuerstufe ab 280.000 Euro. Eine Familie mit 60.000 Euro soll 600 Euro mehr haben.
Streit um kalte Progression
Union und SPD geben selbst zu: Die Inflation wird nicht vollständig ausgeglichen. Dorn rechnet mit über 15 Milliarden Euro Bedarf. Das Parlament will im Verfahren nachlegen – wenn die Gegenfinanzierung steht.
Sieben namentliche Abstimmungen
Die Grünen zwingen den Bundestag zu sieben Einzelvoten über Steuerlücken bei Erbschaft, Immobilien und Krypto. Koalition und AfD lehnen alles ab – teils mit Sympathie für die Analyse.
Scharfe Töne nach Magdeburg
Die Wahl eines AfD-Politikers zum Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt überschattet fast jede Debatte – von der Steuerpolitik bis zur Nachhaltigkeit.
Wie es weitergeht
Einkommensteuerreform und Jahressteuergesetz gehen in die Ausschüsse. Am Montag verhandelt Karlsruhe über die Erbschaftsteuer – danach will die Koalition über eine Reform reden.
2Zahlen der Sitzung
So lief der Tag
Sitzungsdauer
16 Std. 7 Min.
Reden
151
Zwischenrufe
661
aus dem Protokoll gezählt
Abstimmungen
3
Redezeit je Fraktion
Näherung über die Wortzahl der Redebeiträge (~110 Wörter pro Minute)
1 Punkt = 2 Minuten Redezeit
- Union4 Std. 3 Min.31,0 %
- SPD2 Std. 0 Min.15,3 %
- Grüne2 Std. 4 Min.15,8 %
- AfD2 Std. 44 Min.20,9 %
- Linke1 Std. 24 Min.10,7 %
- Sonstige48 Min.6,1 %
Wer ruft wem dazwischen?
Links, wer ruft – rechts, wer gerade am Rednerpult steht. Zwischenrufe aus dem Protokoll, soweit einer Fraktion zugeordnet.
Größter Strom: AfD → Union (93 Zwischenrufe). Am häufigsten unterbrochen: Reden von Union (202) und Grüne (147).
- Union ruft bei Reden von Union: 13
- Union ruft bei Reden von SPD: 7
- Union ruft bei Reden von Grüne: 28
- Union ruft bei Reden von AfD: 14
- Union ruft bei Reden von Linke: 11
- Union ruft bei Reden von Sonstige: 1
- SPD ruft bei Reden von Union: 11
- SPD ruft bei Reden von SPD: 2
- SPD ruft bei Reden von Grüne: 4
- SPD ruft bei Reden von AfD: 37
- SPD ruft bei Reden von Sonstige: 4
- Grüne ruft bei Reden von Union: 45
- Grüne ruft bei Reden von SPD: 11
- Grüne ruft bei Reden von Grüne: 19
- Grüne ruft bei Reden von AfD: 33
- Grüne ruft bei Reden von Linke: 13
- Grüne ruft bei Reden von Sonstige: 5
- AfD ruft bei Reden von Union: 93
- AfD ruft bei Reden von SPD: 80
- AfD ruft bei Reden von Grüne: 91
- AfD ruft bei Reden von AfD: 7
- AfD ruft bei Reden von Linke: 38
- AfD ruft bei Reden von Sonstige: 7
- Linke ruft bei Reden von Union: 40
- Linke ruft bei Reden von SPD: 6
- Linke ruft bei Reden von Grüne: 5
- Linke ruft bei Reden von AfD: 26
- Linke ruft bei Reden von Linke: 5
- Linke ruft bei Reden von Sonstige: 5
Die Abstimmungen
Antrag der AfD zur Abschaffung des Amtes der Ostbeauftragten (Überweisung)
per Handzeichen
»Wir müssen den Schalter umlegen von Umverteilen zum Erwirtschaften.«
In der Aktuellen Stunde zu den Wirtschaftsprognosen 2027 formulierte die Wirtschaftsministerin ihren Gegenentwurf zu den Umverteilungsforderungen von Grünen und Linken, die den ganzen Sitzungstag prägten.
Bundestag, 8. Oktober 2026 – Steuerpolitik im Zentrum, Extremismus-Streit als Dauerton
Ein Sitzungstag mit steuerpolitischem Schwerpunkt: Vormittags brachte die Koalition ihre Einkommensteuerreform 2027 und das Jahressteuergesetz ein, direkt danach erzwangen die Grünen sieben namentliche Abstimmungen über Steuerprivilegien. Später ging es um Nachhaltigkeit, Linksextremismus, Pränataldiagnostik, Wohneigentum und zwei Bundeswehrmandate. Über fast allen Debatten lag die Wahl eines AfD-Politikers zum Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt.
Gesetzentwurf: Einkommensteuerreform 2027
Lars Klingbeil (SPD) stellte ein Entlastungsvolumen von 10 Milliarden Euro vor: höherer (12.900 Euro), mehr Kindergeld (267, später 272 Euro), höherer und eine neue Stufe für Einkommen über 280.000 Euro. Fritz Güntzler (CDU/CSU) und Florian Dorn (CDU/CSU) räumten ein, dass die kalte Progression nicht vollständig ausgeglichen wird, und forderten Nachbesserungen im parlamentarischen Verfahren. Kay Gottschalk (AfD) nannte das Gesetz "Etikettenschwindel", Doris Achelwilm (Die Linke) sprach von verschenktem Potenzial, Katharina Beck (Bündnis 90/Die Grünen) verlangte zusätzlich sinkende Sozialabgaben.
Zusatzpunkt: Grüne Anträge zu Steuerlücken
Sieben namentliche Abstimmungen zu Erbschaftsteuer, Share Deals, Gewerbesteuer und Kryptowerten – alle abgelehnt. Olav Gutting (CDU/CSU) warf den Grünen Neidpolitik vor, Parsa Marvi (SPD) erkannte die Analyse bei der Erbschaftsteuer ausdrücklich an, verwies aber auf das Karlsruher Verfahren. Andreas Audretsch (Bündnis 90/Die Grünen) konterte mit einer Kurzintervention über Bürgergeld-Debatten.
Vereinbarte Debatte: Nachhaltigkeit und Zukunftsfragen
Staatsminister Philipp Amthor stellte den Aktionsplan Nachhaltigkeit mit 20 Missionen vor. Ralph Brinkhaus (CDU/CSU) kritisierte selbstkritisch die Folgenlosigkeit solcher Debatten und forderte, die Nachhaltigkeitsstrategie im Parlament statt im Kanzleramt festzulegen.
Gruppenantrag: Pränataltest-Monitoring
Nach jahrelangem Ringen einigte sich das Haus fraktionsübergreifend auf ein Monitoring zum NIPT samt Expertengremium – mit einem Änderungsantrag, der den Zugang zur Kassenleistung ausdrücklich sichert.
Mandate: Aspides und UNMISS
Außenminister Johann Wadephul warb für die Verlängerung des EUNAVFOR-Aspides-Mandats im Roten Meer und des UNMISS-Einsatzes im Südsudan.
3Top-Themen
Worum es wirklich ging
Thema 1
Einkommensteuerreform 2027: Wer wird wirklich entlastet?
Worum es geht
Die Koalition hat ihren Gesetzentwurf zur Einkommensteuerreform eingebracht. Kern: Der Grundfreibetrag steigt von 12.564 auf 12.900 Euro, das Kindergeld auf 267 und später 272 Euro monatlich, der Arbeitnehmerpauschbetrag um 200 auf 1.430 Euro. Gegenfinanziert wird über höhere Sätze für Spitzeneinkommen – ab 280.000 Euro greift ein neuer Satz von 47 Prozent – sowie über eine höhere Pauschsteuer auf Minijobs (von 2 auf 5 Prozent) und Kürzungen bei der Steuerermäßigung für Handwerkerleistungen. Das Entlastungsvolumen liegt bei 10 Milliarden Euro brutto, netto bleiben laut Florian Dorn (CDU/CSU) 1,6 Milliarden Euro für 2027 und 5,6 Milliarden Euro für 2028. Strittig ist, ob damit die kalte Progression – also die inflationsbedingt schleichende Steuererhöhung – überhaupt ausgeglichen wird.
Was heißt das für dich?
Wenn du angestellt bist und Kinder hast, landet ab Januar 2027 etwas mehr Netto auf dem Konto: Eine Familie mit 60.000 Euro Einkommen und zwei Kindern soll rund 600 Euro mehr im Jahr haben. 1,3 Millionen Menschen müssen durch den höheren Pauschbetrag künftig keine Steuererklärung mehr abgeben. Wenn du einen Minijob hast oder einen anbietest, wird es dagegen teurer – die Pauschsteuer steigt von 2 auf 5 Prozent. Wer Handwerkerleistungen absetzen wollte, kann künftig weniger geltend machen. Und ob am Monatsende real mehr übrig bleibt, hängt davon ab, wie stark die Preise und die Sozialabgaben steigen: Katharina Beck (Grüne) rechnet für eine Alleinerziehende mit 30.000 Euro brutto mit gut 105 Euro Entlastung im Jahr.
Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
Die Union betont das Leitmotiv, dass sich Arbeit und Leistung lohnen müssen, und verweist auf Bürokratieentlastung durch den höheren Pauschbetrag. Gleichzeitig fordert sie, im parlamentarischen Verfahren die kalte Progression vollständig auszugleichen.
»Die Botschaft muss immer sein: Wir wollen mehr Netto vom Brutto.«– Fritz Güntzler
Die SPD stellt die Entlastung kleiner und mittlerer Einkommen sowie von Familien in den Mittelpunkt und verteidigt die Gegenfinanzierung über höhere Spitzensteuersätze als gerecht. Weitere Entlastungen im parlamentarischen Verfahren seien möglich, aber nur mit seriöser Gegenfinanzierung.
»Also ganz oben trägt mehr dazu bei, dass in der Mitte unseres Landes entlastet wird.«– Lars Klingbeil
Die Grünen unterstützen das Ziel, halten die Maßnahmen aber für zu klein und kritisieren, dass die Schere zwischen Kindergeld und Kinderfreibeträgen wächst statt schrumpft. Sie fordern zusätzlich eine Senkung der Sozialabgaben um 2 Prozentpunkte sowie höhere Grund- und Arbeitnehmerpauschbeträge.
»Die Schere wird nicht kleiner. Sie wächst von 1 500 Euro auf 1 800 Euro.«– Sascha Müller
Die AfD bezeichnet die Reform als getarnte Steuererhöhung, weil die kalte Progression nicht ausgeglichen werde und gleichzeitig Minijobs und Handwerkerleistungen teurer würden. Sie fordert einen Grundfreibetrag von 15.000 Euro und einen automatischen Inflationsausgleich im Tarif.
»Das ist kein Ausgleich, das ist ein Almosen oder Trostpflaster.«– Kay Gottschalk
Die Linke nennt die Reform eine Luftnummer, weil die Entlastung von rund 1 Prozent hinter der Inflation zurückbleibe und durch neue Konsumsteuern aufgefressen werde. Sie fordert ein Volumen von 30 statt 10 Milliarden Euro, ein Kindergeld von mindestens 350 Euro und einen Spitzensteuersatz von 53 Prozent ab 85.000 Euro.
»Im Großen und Ganzen ist es für Reiche mal wieder super gelaufen. Thema verfehlt!«– Doris Achelwilm
Thema 2
Steuerprivilegien: Sieben Abstimmungen, sieben Ablehnungen
Worum es geht
Die Grünen brachten neun Anträge und Gesetzentwürfe ein und erzwangen dazu sieben namentliche Abstimmungen. Es ging um die Abschaffung der erweiterten Grundstückskürzung bei der Gewerbesteuer, um die Zehnjahresfrist bei privaten Immobilienverkäufen, um Share Deals bei der Grunderwerbsteuer, um die 300-Wohneinheiten-Regelung und die Verschonungsbedarfsprüfung ab 26 Millionen Euro in der Erbschaftsteuer sowie um die Haltefrist bei Kryptowerten. Das Gesamtvolumen beziffern die Grünen auf mindestens 20 Milliarden Euro gesamtstaatlich. Alle Vorlagen wurden abgelehnt – wobei SPD-Redner die Analyse bei der Erbschaftsteuer ausdrücklich teilten und auf die mündliche Verhandlung beim Bundesverfassungsgericht am folgenden Montag und Dienstag verwiesen.
Was heißt das für dich?
Wenn du eine Wohnung kaufst, zahlst du Grunderwerbsteuer – je nach Bundesland 3,5 bis 6,5 Prozent, bei 400.000 Euro in NRW also 26.000 Euro. Große Investoren können diese Steuer über Anteilskäufe legal vermeiden. Beim Erben gilt: Normales Privatvermögen wird voll besteuert, Betriebsvermögen über 26 Millionen Euro kann unter Umständen fast vollständig verschont bleiben. Gewinne aus Kryptowährungen sind nach einem Jahr Haltedauer steuerfrei, dein Arbeitslohn nicht. Fehlende Gewerbesteuer von Immobiliengesellschaften schlägt laut Grünen mit rund 1,5 Milliarden Euro bei den Kommunen durch – das Geld fehlt bei Schwimmbädern, Schulen und Nahverkehr vor Ort.
Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
Die Union lehnt die Anträge als verdeckte Steuererhöhungen und Umverteilung ab und betont den Unterschied zwischen betrieblich gebundenem und freiem Vermögen. Über Einzelpunkte wie die erweiterte Grundstückskürzung sei man im Rahmen einer Gesamtreform der Gewerbesteuer gesprächsbereit.
»Sie sagen Gerechtigkeit, meinen aber Steuererhöhungen.«– Olav Gutting
Die SPD teilt die Analyse bei der Erbschaftsteuer und Kryptowerten ausdrücklich, verweist aber auf ihr eigenes Konzept FairErben und auf das anhängige Karlsruher Verfahren. Einzelbeschlüsse heute würden die Koalitionsarbeit unterlaufen.
»Die Familie kauft also eine Wohnung und zahlt. Der Investor übernimmt Hunderte Wohnungen und zahlt nicht. Das ist legal. Aber finden Sie das gerecht? Wir nicht.«– Nadine Heselhaus
Die Grünen sehen die Ausnahmen als ordnungspolitisch unbegründet, ungerecht und haushaltspolitisch schädlich. Sie verweisen auf Ökonomen wie Clemens Fuest und argumentieren, die Streichung von Steuervergünstigungen sei keine Steuererhöhung, weil kein Steuersatz angehoben werde.
»Warum schließen Sie nicht die Lücke, dass man 300 Wohnungen steuerfrei erben kann und bei drei Wohnungen Steuern zahlt?«– Katharina Beck
Die AfD lehnt die Anträge als sozialistische Umverteilung ab und will stattdessen Erbschaftsteuer und Grunderwerbsteuer für selbstgenutztes Wohneigentum ganz abschaffen. Sie verweist auf ihr Konzept einer einheitlichen Ertragsteuer von 25 Prozent nach dem Kirchhof-Modell.
»Für Sie ist übertragenes Vermögen vor allem potenzielles Steueraufkommen, für uns ist es zunächst einmal privates Eigentum.«– Diana Zimmer
Die Linke unterstützt die Anträge als Minimum, fordert aber weitergehende Schritte: Vergesellschaftung von Wohnungsbeständen, eine Milliardärsteuer und die Überführung von Kryptowerten in die Kapitalertragsbesteuerung mit automatischem Steuerabzug.
»Mit genau solchen Absurditäten muss doch endlich – verdammt noch einmal – Schluss sein.«– Isabelle Vandre
Thema 3
Pränataltest: Fraktionsübergreifende Einigung in letzter Minute
Worum es geht
Der nichtinvasive Pränataltest (NIPT) ist seit Juli 2022 Kassenleistung – allerdings nur in begründeten Einzelfällen, nicht als Routineuntersuchung. Abrechnungsdaten der Barmer zeigen, dass rund 50 Prozent aller Schwangeren den Test nutzen, darunter 25 Prozent der unter 26-Jährigen, bei denen das statistische Risiko gering ist. Die Zahl positiver Tests lag 70 Prozent über dem erwarteten Wert, was auf viele falsch-positive Ergebnisse hindeutet. Ein Gruppenantrag aus über 100 Abgeordneten mehrerer Fraktionen fordert nun ein Monitoring und ein Expertengremium, das bis Juni 2027 Ergebnisse liefern soll. Ein in den letzten Stunden vor der Debatte ausgehandelter Änderungsantrag stellt klar, dass der Zugang zur Kassenleistung bei gerechtfertigter medizinischer Indikation nicht erschwert wird.
Was heißt das für dich?
Wenn du schwanger bist oder es werden willst, ändert sich durch diesen Beschluss zunächst nichts – der Test bleibt bei entsprechender Indikation Kassenleistung. Wichtig zu wissen: Der NIPT liefert keine Diagnose, sondern eine Wahrscheinlichkeit. Ein auffälliges Ergebnis muss durch eine Fruchtwasseruntersuchung bestätigt werden, die ein Fehlgeburtsrisiko trägt. Gerade bei jungen Schwangeren ist die Zahl falsch-positiver Befunde hoch – das bedeutet Wochen der Unsicherheit. Das Monitoring soll klären, wie gut Beratung und Begleitung tatsächlich funktionieren und ob gesunde Kinder durch Fehldiagnosen gefährdet werden.
Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
Die Union will den Blindflug beenden und Daten über die tatsächliche Anwendung gewinnen, ohne den Zugang für Schwangere zu verändern. Sie betont, der Test sei ausdrücklich keine Routineuntersuchung und werdende Eltern bräuchten bessere Beratung und Begleitung.
»Ein Bluttest darf nicht unbemerkt zur Selbstverständlichkeit werden, wenn sein Ergebnis werdende Eltern vor Entscheidungen stellt, die ihr ganzes Leben verändern können.«– Stephan Pilsinger
Die SPD betont, der G-BA habe den Test nicht als Screening zugelassen, und sieht ein Spannungsverhältnis zwischen Selbstbestimmung und dem Signal an Menschen mit Trisomie 21. Gleichzeitig pocht sie darauf, dass die Kassenleistung nicht vom Geldbeutel abhängen darf.
»Es kann nicht vom Geldbeutel der Familien abhängen, ob es eines invasiven Eingriffs bedarf oder eines einfachen Bluttests.«– Carmen Wegge
Die Grünen wollen eine evidenzbasierte Debatte über die gesellschaftlichen Auswirkungen der Technologie ermöglichen und verweisen auf das Recht auf eine druckfreie Entscheidung. Sie werten die Einigung als Erfolg parlamentarischer Handlungsfähigkeit bei bioethischen Fragen.
»Selbstbestimmung heißt für mich auch, dass Menschen frei von Druck entscheiden können, auch frei von dem Druck, dass die Gesellschaft etwas anderes erwartet.«– Max Lucks
Die AfD unterstützt den Antrag und verweist auf falsch-positive Ergebnisse sowie steigende Abbruchzahlen seit der Kassenzulassung. Sie begründet ihre Position zusätzlich religiös und stellt die Kassenzulassung indirekt infrage.
»Auch ungeborene Menschen mit Behinderung haben das Recht auf Leben.«– Martina Kempf
Die Linke trägt den Antrag mit, kritisiert aber den späten Zeitpunkt des Änderungsantrags nach über drei Jahren Diskussion. Sie fordert, nach Vorlage des Monitorings auch über konkrete Konsequenzen für den Umgang mit Behinderung in der Gesellschaft zu sprechen.
»Ich werbe für Zustimmung zum Änderungsantrag und zum Ursprungsantrag.«– Sören Pellmann
4Faktencheck
Behauptungen im Check
Überprüfbare Tatsachenbehauptungen aus der Debatte, recherchiert mit aktuellen Quellen und redaktionell geprüft. Bewertet werden Aussagen, nicht Personen – zur Methodik.
»Meine Damen und Herren da oben auf der Tribüne, der Grundfreibetrag wird um glatte 216 Euro angehoben; das sind 18 Euro im Monat. Es ist ein Ausgleich der Inflation um gerade mal 1,75 Prozent bei einer Inflationsrate von über 2 Prozent in den letzten Jahren.«
Kritik der AfD am Einkommensteuerreformgesetz 2027 und am unvollständigen Ausgleich der kalten Progression
So haben wir geprüft
Die genannten Zahlen halten der Prüfung stand. Der Regierungsentwurf eines Einkommensteuerreformgesetzes 2027 (Bundestags-Drucksache 21/8235, erste Lesung am 8. Oktober 2026) hebt den Grundfreibetrag – also den Teil des Einkommens, der komplett steuerfrei bleibt – von 12.348 Euro (2026) auf 12.564 Euro an. Das sind exakt 216 Euro mehr, umgerechnet 18 Euro pro Monat und ein Plus von 1,749 Prozent, also die genannten rund 1,75 Prozent. Auch der Inflationsvergleich passt grundsätzlich: Laut Statistischem Bundesamt lag die Jahresinflation 2025 bei 2,2 Prozent, 2026 schwankten die Monatswerte zwischen 1,9 Prozent (Februar) und 2,9 Prozent (April).
Unvollständig ist die Einordnung, dieser Prozentsatz sei „der Ausgleich der Inflation". Der Grundfreibetrag folgt rechtlich nicht der Inflationsrate, sondern dem steuerfrei zu stellenden Existenzminimum; der Entwurf begründet die 216 Euro ausdrücklich mit den erwarteten Ergebnissen des 16. Existenzminimumberichts. Die kalte Progression – der Effekt, dass eine reine Inflations-Lohnerhöhung in höhere Steuersätze rutscht – wird im selben Gesetz zusätzlich über die Verschiebung der übrigen Tarifeckwerte, die Abflachung der zweiten Progressionszone (bis 70.600 Euro) und einen höheren Arbeitnehmer-Pauschbetrag adressiert; die Gesamtentlastung bezifferte die Regierung für 2027/2028 auf über zehn Milliarden Euro. Unerwähnt bleibt außerdem die zweite Stufe desselben Entwurfs: 2028 soll der Grundfreibetrag auf 12.900 Euro steigen, also um weitere 336 Euro (+2,67 Prozent).
Ein zweiter Punkt kann missverstanden werden: Die „18 Euro im Monat" sind der zusätzliche steuerfreie Betrag, nicht der Zugewinn im Portemonnaie. Tatsächlich ausgezahlt wird nur die darauf entfallende Steuer – je nach Grenzsteuersatz rund 30 bis 91 Euro im Jahr, also etwa 2,50 bis 7,60 Euro im Monat (eigene Berechnung auf Basis der Tarifwerte des Entwurfs). Fazit: Rechnerisch korrekt, in der Deutung aber verkürzt – der Grundfreibetrag ist nicht das Instrument des Inflationsausgleichs, sondern ein Teil eines größeren Pakets, und zum Zeitpunkt der Rede war das Gesetz ein Entwurf, kein geltendes Recht.
Quellen
- Drucksache 21/8235: Entwurf eines Einkommensteuerreformgesetzes 2027 · Deutscher BundestagPrimärquelle · abgerufen am 12.10.2026
- Steuerreform mit Entlastung von zehn Milliarden Euro · Deutscher Bundestag (heute im bundestag)Primärquelle · abgerufen am 12.10.2026
- Kabinett: Einkommensteuerreform 2027 beschlossen · BundesregierungPrimärquelle · abgerufen am 12.10.2026
- Inflationsrate im Jahr 2025 bei +2,2 % · Statistisches Bundesamt (Destatis)Primärquelle · abgerufen am 12.10.2026
- Inflationsrate im Mai 2026 bei +2,6 % · Statistisches Bundesamt (Destatis)Primärquelle · abgerufen am 12.10.2026
- Inflationsrate im Februar 2026 bei +1,9 % · Statistisches Bundesamt (Destatis)Primärquelle · abgerufen am 12.10.2026
- Drucksache 20/13550: Existenzminimumbericht (Grundfreibetrag 2026: 12.348 Euro) · Deutscher BundestagPrimärquelle · abgerufen am 12.10.2026
- Einkommensteuerreformgesetz 2027 – Überblick · Haufe · abgerufen am 12.10.2026
- Einkommensteuerreform 2027 im Bundestag · NWB Verlag · abgerufen am 12.10.2026
5Debattenkultur
Wie miteinander geredet wurde
Zwei Skalen von 1 bis 10, gleiche Kriterien für alle Fraktionen: Themenfokus (10 = Redezeit konsequent beim Thema) und Konfrontation (10 = maximal konfrontativer Ton).
In der Steuerdebatte blieben Güntzler, Dorn und Meister durchgehend fachlich und gingen auf Zwischenfragen ausführlich ein. In den Debatten zu Linksextremismus und Nachhaltigkeit wichen mehrere Redner dagegen stark auf die Berliner Koalitionsverhandlungen aus.
Marvi und Heselhaus lieferten detaillierte steuerpolitische Beiträge, Heselhaus rechnete AfD-Vorschläge systematisch durch. Gleichzeitig nutzten mehrere Rednerinnen Teile ihrer Redezeit für Grundsatzkritik an der AfD statt für den jeweiligen Tagesordnungspunkt.
Beck, Lucks und Müller argumentierten detailliert mit Zahlen zu Steuerlücken und Kinderfreibeträgen. Mehrere Reden endeten allerdings mit thematisch losgelösten Appellen – etwa Bärs Verbotsforderung am Schluss der Ernährungsdebatte.
Fachlich fundierte Passagen etwa von Mixl zum Jahressteuergesetz standen neben erheblichen Abschweifungen – Douglas sprach in der Steuerdebatte über die Wahl in Sachsen-Anhalt, Koch bei UNMISS über den BND. Formulierungen wie "Schämen Sie sich" und der Spott über das Singen der Nationalhymne prägten den Ton.
Achelwilm und Görke legten konkrete Gegenrechnungen zur Einkommensteuerreform vor, Krampe verband den KRITIS-Antrag mit kommunaler Finanzierung. Gennburgs Wortwahl in der Wohnungsdebatte markierte den konfrontativsten Moment der Fraktion.
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