7. Mai 2026 · 77. Sitzung · 21. Wahlperiode
Barrierefreiheitsreform und GKV-Sparpaket
Protest vor dem Reichstag
Der Bundestag berät die Reform des Behindertengleichstellungsgesetzes – draußen demonstrieren Betroffene. Selbst SPD-Rednerinnen nennen den eigenen Entwurf unzureichend, weil bauliche Änderungen pauschal ausgenommen bleiben.
16 Milliarden für die Kassen
Die Koalition will die Krankenkassenbeiträge stabilisieren und Versicherte um mindestens 16 Milliarden Euro entlasten. Die Grünen fordern 42 Milliarden Euro Einsparungen und 2,1 Prozentpunkte niedrigere Beiträge.
Fliegen wird billiger
Ab 1. Juli 2026 sinkt die Luftverkehrsteuer wieder auf das Niveau vor Mai 2024: 2,50 Euro weniger auf der Kurzstrecke, 11,40 Euro auf der Langstrecke. Kosten: 350 Millionen Euro, gegenfinanziert aus dem Verkehrsetat.
Ein Jahr Digitalministerium
Minister Wildberger zieht Bilanz: 550 Mitarbeitende, zwei Modernisierungsagenden, Deutschland-Stack. Die Opposition vermisst Gesetzentwürfe zur Staatsmodernisierung.
Was jetzt folgt
Barrierefreiheitsgesetz und GKV-Paket gehen in die Ausschüsse. Anhörungen und Nachbesserungen sind angekündigt – der Streit über bauliche Barrierefreiheit und Familienversicherung ist noch offen.
2Zahlen der Sitzung
So lief der Tag
Sitzungsdauer
11 Std. 42 Min.
Reden
170
Zwischenrufe
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aus dem Protokoll gezählt
Abstimmungen
0
Redezeit je Fraktion
Näherung über die Wortzahl der Redebeiträge (~110 Wörter pro Minute)
Wer ruft dazwischen?
Zwischenrufe nach verursachender Fraktion, soweit im Protokoll zugeordnet
»Solange Teilhabe vom guten Willen abhängt, ist sie kein Recht, sondern Zufall.«
In der Kernzeitdebatte über die Reform des Behindertengleichstellungsgesetzes kritisierte Fischer, dass der Regierungsentwurf Barrierefreiheit im privaten Sektor von Einzelfallentscheidungen und Zumutbarkeitsprüfungen abhängig macht.
Bundestag, 7. Mai 2026 – Teilhabe, Beiträge und Standortkosten
Ein Sitzungstag der Grundsatzfragen: Wie viel Barrierefreiheit darf die Wirtschaft kosten? Wie bleibt die Krankenversicherung finanzierbar? Und wo entlastet der Staat wen? Vom Behindertengleichstellungsgesetz über das -Sparpaket bis zur zog sich eine Frage durch den Tag: Wer trägt die Lasten – und wer wird geschont?
Kernzeitdebatte: Behindertengleichstellungsgesetz
Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) stellte die vor: Menschen mit Behinderungen erhalten erstmals einen Anspruch auf angemessene Vorkehrungen auch gegenüber Unternehmen. Doch die Kritik kam quer durch das Haus – auch aus der SPD. Heike Heubach erinnerte an Andrea Nahles' Versprechen von 2016 und stellte fest: Der private Sektor sei erneut nicht erfasst. Corinna Rüffer (Grüne) nannte den Entwurf einen "Schlag ins Gesicht", Sören Pellmann (Die Linke) sprach von einem "skandalösen Versagen". Streitpunkt ist § 7, der bauliche Veränderungen pauschal als unverhältnismäßige Belastung einordnet. Wilfried Oellers (CDU/CSU) kündigte Nachbesserungen im Verfahren an.
Antrag: Krankenkassenbeiträge senken
Die Grünen forderten, alle 66 Vorschläge der FinanzKommission umzusetzen und die Beiträge um 2,1 Prozentpunkte zu senken. Britta Haßelmann verwies auf ein Einsparpotenzial von 42 Milliarden Euro. Die Koalition entgegnete mit 16 Milliarden Euro Entlastung – Dr. Hendrik Streeck (CDU/CSU) nannte das Gesetz eine "Notbremse". Serdar Yüksel (SPD) und Katrin Staffler (CDU/CSU) räumten offene Punkte bei Zuzahlungen und Familienversicherung ein. Ates Gürpinar (Die Linke) kritisierte die einnahmeorientierte Ausgabenpolitik grundsätzlich.
Gesetzentwurf: Luftverkehrsteuer
Die Koalition senkt die Steuer zum 1. Juli 2026 auf das Vorniveau. Anja Troff-Schaffarzyk (SPD) sprach von einem Signal an die Branche und forderte Gegenleistungen der Airlines. Tarek Al-Wazir (Grüne) rechnete vor, dass die 350 Millionen Euro aus dem Verkehrsetat fehlen. Die AfD verlangte die vollständige Abschaffung.
Aktuelle Stunde: Ein Jahr Digitalministerium
Minister Dr. Karsten Wildberger präsentierte vier Hebel: Staatsmodernisierung, digitale Infrastruktur, Verwaltungsdigitalisierung, KI-Souveränität. Dr. Moritz Heuberger (Grüne) hielt entgegen, Gesetzentwürfe zur Staatsmodernisierung fehlten bislang.
3Top-Themen
Worum es wirklich ging
Thema 1
Barrierefreiheit: Reform mit eingebautem Bremsklotz
Worum es geht
Das Behindertengleichstellungsgesetz gilt seit 2002, verpflichtet aber bislang nur Behörden des Bundes zur Barrierefreiheit – nicht die Privatwirtschaft. Der Regierungsentwurf führt erstmals einen Anspruch auf sogenannte angemessene Vorkehrungen gegenüber Unternehmen ein, etwa eine mobile Rampe. Gleichzeitig erklärt § 7 Absatz 3 bauliche Veränderungen sowie Änderungen an Gütern und Dienstleistungen pauschal zur unverhältnismäßigen Belastung. Für Bestandsbauten des Bundes gelten neue Fristen: bis 2035 sollen, bis 2045 müssen Barrieren abgebaut sein. Ein Bundeskompetenzzentrum für Leichte Sprache und Gebärdensprache wird geschaffen.
Was heißt das für dich?
Wenn du im Rollstuhl sitzt, schlecht siehst oder hörst, entscheidet dieses Gesetz darüber, ob du in den Friseursalon, ins Kino oder in die Arztpraxis kommst. Betroffen bist du auch, wenn du mit Kinderwagen unterwegs bist oder älter wirst – 13 Millionen Menschen in Deutschland haben eine anerkannte Behinderung. Rund 190 000 schwerbehinderte Menschen sind arbeitslos, obwohl Betriebe Personal suchen. Wird der Ausschluss baulicher Änderungen nicht gestrichen, bleibt vieles wie es ist: Du musst weiter fragen, planen und hoffen, statt einfach hineinzugehen.
Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
Die Union betont Augenmaß: flexible Einzelfalllösungen statt starrer Pflichten, keine unverhältnismäßige Belastung der Unternehmen, dazu ein unbürokratisches Förderprogramm und kostenlose Beratung. Sie will die Kritik der Verbände am Ausschluss baulicher Änderungen im Verfahren prüfen, verlangt aber Rechtssicherheit für die Verpflichteten.
»Barrieren können nur mit und nicht gegen die Unternehmen abgebaut werden.«– Wilfried Oellers
Die SPD verteidigt den Einstieg in die Verpflichtung der Privatwirtschaft, räumt aber offen ein, dass der Entwurf hinter dem Notwendigen zurückbleibt. Sie fordert, den pauschalen Ausschluss baulicher Veränderungen zu korrigieren und ein wirksames Klagerecht statt reiner Feststellungsurteile zu schaffen.
»In seiner jetzigen Form behindert er Menschen, statt ihnen Teilhabe zu ermöglichen«– Heike Heubach
Die Grünen lehnen den Entwurf in der vorliegenden Form ab. Sie kritisieren die Frist bis 2045 als Vertagung um eine Generation und sehen die Blockade verbindlicher Regeln im Wirtschaftsministerium. Barrierefreiheit dürfe nicht vom Einzelfall und guten Willen abhängen.
»Dieser Entwurf ist ein Schlag ins Gesicht der Menschen mit Behinderung, die seit Jahrzehnten in Deutschland vertröstet werden.«– Corinna Rüffer
Die AfD kritisiert den Entwurf als unbestimmt und in sich widersprüchlich: Der Benachteiligungsbegriff bleibe unklar, die Zielsetzung werde durch den Ausschluss baulicher Änderungen ausgehebelt. Sie legt einen eigenen Antrag für ein unbürokratisches Anerkennungssystem von Assistenzhunden vor.
»Sie haben einen 56-seitigen Gesetzentwurf vorgelegt, dessen Zielsetzung in nur einem Halbsatz vollends ausgehebelt wird.«– Jan Feser
Die Linke sieht einen Verstoß gegen UN-Behindertenrechtskonvention und Grundgesetz. Sie fordert verbindliche Barrierefreiheit für alle Marktteilnehmer sowie Förderung speziell für kleine Unternehmen und Soloselbstständige, weil der Markt das Problem nicht löse.
»Dieses Gesetz schützt die Wirtschaft, und es schützt insbesondere die Wirtschaft vor Menschen mit Behinderung.«– Sören Pellmann
Thema 2
Krankenkassenbeiträge: 16 oder 42 Milliarden?
Worum es geht
Der gesetzlichen Krankenversicherung droht 2027 eine Finanzierungslücke von rund 15 Milliarden Euro, bis 2030 könnten es über 40 Milliarden werden. Eine FinanzKommission Gesundheit hat 66 Vorschläge mit einem Einsparpotenzial von rund 42 Milliarden Euro vorgelegt. Die Bundesregierung übernimmt einen Teil davon und will Beitragszahlende um mindestens 16 Milliarden Euro entlasten. Umstritten sind höhere Zuzahlungen, die Absenkung der Psychotherapeuten-Vergütung, die beitragsfreie Familienversicherung und die gleichzeitige Kürzung des Bundeszuschusses zum Gesundheitsfonds um etwa 2 Milliarden Euro.
Was heißt das für dich?
Der Beitragssatz landet direkt auf deiner Lohnabrechnung – ohne Gegenmaßnahmen könnte der Gesamtbeitrag laut Debatte auf bis zu 19,3 Prozent steigen. Wenn Zuzahlungen bei Medikamenten oder Zahnersatz erhöht werden, zahlst du im Krankheitsfall mehr aus eigener Tasche. Wird die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern angetastet, betrifft das Familien mit einem Hauptverdienenden unmittelbar. Und wenn die Vergütung von Psychotherapie sinkt, kann sich das auf Wartezeiten auswirken – die schon heute lang sind.
Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
Die Union verteidigt das Paket als Notbremse gegen einen Beitragsschock und verweist auf einen zweiten Kommissionsbericht zu Strukturreformen. Sie hält 42 Milliarden Euro Einsparungen für unrealistisch und setzt auf Prävention und ein Primärarztsystem mit Hausärzten als Lotsen.
»Es ist noch keine große Strukturreform; es ist eine Notbremse.«– Dr. Hendrik Streeck
Die SPD trägt das Paket mit, benennt aber offene Punkte: Zuzahlungen, die kostenlose Familienversicherung und die Absenkung der Psychotherapeuten-Vergütung. Sie verweist auf das Struck'sche Gesetz und will im parlamentarischen Verfahren nachjustieren.
»Der Punkt, mit dem ich Schwierigkeiten habe, betrifft die Änderung bei der kostenlosen Familienversicherung.«– Serdar Yüksel
Die Grünen fordern, alle 66 Kommissionsvorschläge konsequent umzusetzen und die Beiträge um 2,1 Prozentpunkte zu senken. Sie kritisieren die Kürzung des Bundeszuschusses und verlangen, versicherungsfremde Leistungen wie Krankenkassenbeiträge für Bürgergeldempfänger aus dem Bundeshaushalt zu finanzieren.
»Versicherungsfremde Leistungen wie die Krankenkassenbeiträge für Bürgergeldempfänger gehören aus dem Bundeshaushalt bezahlt und nicht von den Beitragszahlerinnen und Beitragszahlern und den Arbeitgebern.«– Britta Haßelmann
Die AfD wirft der Regierung vor, die GKV als Ersatzhaushalt zu missbrauchen. Sie will versicherungsfremde Leistungen aus dem Bundeshaushalt finanzieren, ausländischen Bürgergeldbeziehern die Gesundheitskosten selbst auferlegen und beklagt Honorarkürzungen bei Psychotherapeuten und Kieferorthopäden.
»Wer die GKV stabilisieren will, der darf sie nicht länger als Ersatzhaushalt missbrauchen.«– Nicole Hess
Die Linke lehnt die einnahmeorientierte Ausgabenpolitik grundsätzlich ab: Gesundheitsausgaben dürften sich nicht der Haushaltslage unterordnen. Sie fordert eine solidarische Versicherung, in die alle einzahlen, und kritisiert Kürzungen zulasten von Beschäftigten und Patienten.
»Sie haben versprochen, die Beiträge zu stabilisieren. Stattdessen rennen Sie mit der Kettensäge durch das Gesundheitssystem.«– Ates Gürpinar
Thema 3
Luftverkehrsteuer sinkt – auf Kosten des Verkehrsetats
Worum es geht
Die Luftverkehrsteuer wurde im Mai 2024 erhöht. Zum 1. Juli 2026 senkt die Koalition sie auf das vorherige Niveau: 2,50 Euro weniger auf der Kurzstrecke, 6,33 Euro auf der Mittelstrecke, 11,40 Euro auf der Langstrecke – rund 350 Millionen Euro Entlastung pro Jahr. Begründung: Deutschland erreiche bei den Passagierzahlen nur eine Recovery Rate von 87 Prozent, während der europäische Durchschnitt bei 107 Prozent liege. Die Mindereinnahmen werden ab 2027 vollständig im Einzelplan des Verkehrsministeriums erwirtschaftet.
Was heißt das für dich?
Ob dein Flugticket wirklich billiger wird, ist offen – der Gesetzentwurf selbst erwartet laut Debatte keine Auswirkungen auf die Verbraucherpreise. Was du eher spüren wirst: Bei mehr Wettbewerb könnten wieder mehr Direktverbindungen von deinem Regionalflughafen starten. Gleichzeitig fehlen 350 Millionen Euro im Verkehrsetat – also bei Brücken, Schienen und Straßen, die du täglich nutzt. Und während Fliegen günstiger wird, kostet das Deutschlandticket seit Januar 63 Euro und steigt ab 2027 automatisch.
Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
Die Union argumentiert mit Wettbewerbsfähigkeit, Konnektivität und Messewirtschaft. Regionalflughäfen und Zubringerflüge seien Infrastruktur, nicht Luxus. Sie sieht in der Senkung auch eine soziale Frage: Durchschnittsfamilien sollten sich den Sommerurlaub weiter leisten können.
»Wir müssen die Wettbewerbsfähigkeit des Luftfahrtstandorts Deutschland steigern.«– Dr. Christoph Ploß
Die SPD sieht die Senkung als notwendige Korrektur hoher Standortkosten und als Signal an die Beschäftigten der Branche. Sie erwartet im Gegenzug, dass Airlines Flugzeuge zurückverlagern, und kritisiert die Abwicklung der Lufthansa-Tochter CityLine scharf.
»Es ist notwendig, die Standortkosten auf ein wettbewerbsfähiges Maß zu reduzieren, um die Trendwende zugunsten der deutschen Luftfahrt zu schaffen.«– Anja Troff-Schaffarzyk
Die Grünen halten die Senkung für wirkungslos und haushaltspolitisch schädlich. Sie kritisieren, dass Subventionsabbau aus der Ampelzeit zurückgedreht wird, und schlagen stattdessen Unterstützung bei der Flottenmodernisierung sowie eine Staffelung nach Sitzplatzfläche vor.
»Aus meiner Sicht wird eine Senkung der Abgabe um 2,50 Euro pro Flug null Wirkung haben.«– Tarek Al-Wazir
Die AfD begrüßt die Richtung, hält die Senkung aber für zu gering und zu spät. Sie verweist auf 19 Millionen weniger Flugreisende ab Deutschland und fordert die vollständige Abschaffung der Luftverkehrsteuer.
»Die Luftverkehrsteuer muss vollständig auf den Prüfstand, und wenn die kommende Anhörung bestätigt, was die Zahlen zeigen, dann muss diese Steuer auch komplett gestrichen werden«– Hauke Finger
Die Linke lehnt die Senkung ab und verweist auf 12 Milliarden Euro jährliche Subventionierung des Flugverkehrs. Sie fordert EU-weite Kerosinbesteuerung, das Ende der Umsatzsteuerbefreiung für Auslandsflüge und höhere Abgaben für Privatjets sowie Business- und First-Class-Tickets.
»Die alltägliche Mobilität von Pendlerinnen und Pendlern soll teurer werden, aber das Fliegen soll steuerlich entlastet werden.«– Janine Wissler
4Faktencheck
Behauptungen im Check
Überprüfbare Tatsachenbehauptungen aus der Debatte, recherchiert mit aktuellen Quellen und redaktionell geprüft. Bewertet werden Aussagen, nicht Personen – zur Methodik.
»In Deutschland leben 13 Millionen Menschen mit einer anerkannten Behinderung oder Beeinträchtigung. Das ist gut jeder sechste Mensch in unserem Land.«
Einbringung der Reform des Behindertengleichstellungsgesetzes durch die Arbeitsministerin.
So haben wir geprüft
Die Größenordnung von 13 Millionen ist belegbar, aber nur für den weit gefassten Begriff "Beeinträchtigung" – nicht für amtlich anerkannte Behinderungen. Die Zahl stammt aus dem Dritten Teilhabebericht der Bundesregierung: Zur Gruppe der Menschen mit Beeinträchtigungen zählten im Jahr 2009 insgesamt 11,97 Millionen Personen, bis zum Jahr 2017 stieg deren Zahl auf 13,04 Millionen an. Dieser Wert bezieht auch Menschen ein, die keinen Behindertenausweis und keinen amtlich festgestellten Grad der Behinderung haben – die Formulierung "anerkannte Behinderung oder Beeinträchtigung" verwischt diesen Unterschied. Amtlich anerkannt ist die Zahl deutlich kleiner: Zum Jahresende 2025 lebten in Deutschland gut 7,8 Millionen Menschen mit schwerer Behinderung, somit waren 9,4 Prozent der Menschen in Deutschland schwerbehindert; als schwerbehindert gelten dabei Personen mit gültigem Ausweis, denen die Versorgungsämter einen Grad der Behinderung von mindestens 50 zuerkannt haben. Rechnet man die leichteren Behinderungen hinzu – im Jahr 2023 lebten laut Mikrozensus 7,3 Millionen Menschen mit einer amtlich anerkannten Behinderung in Privathaushalten, davon rund 4,8 Millionen mit Schwerbehinderung und 2,5 Millionen mit einer leichteren Behinderung – kommt man je nach Datenquelle auf grob 10 bis 11 Millionen Menschen mit amtlicher Anerkennung, nicht auf 13 Millionen.
Auch die zweite Hälfte der Aussage ist rechnerisch etwas zu hoch angesetzt: Zum Jahresende 2025 lebten 83,5 Millionen Menschen in Deutschland. 13 Millionen entsprechen davon 15,6 Prozent – das ist knapp jeder Sechste (ein Sechstel wären 16,7 Prozent bzw. rund 13,9 Millionen), nicht "gut jeder sechste". Hinzu kommt: Der zugrundeliegende Wert beschreibt den Stand von 2017 und ist damit rund neun Jahre alt; die Zahl der Menschen mit Beeinträchtigungen dürfte demografiebedingt heute höher liegen, offiziell fortgeschrieben ist sie aber nicht.
Fazit: Richtig ist die Größenordnung von rund 13 Millionen Menschen mit Beeinträchtigungen. Ungenau sind das Wort "anerkannt" (amtlich anerkannt sind rund 10 bis 11 Millionen, schwerbehindert 7,8 Millionen) und die Quote "gut jeder sechste" (tatsächlich knapp jeder sechste).
Hinweis zur Datenlage: Der IV. Teilhabebericht ist laut ISG-Institut in Arbeit und wertet erstmals umfassend den BMAS-Teilhabesurvey aus; in dessen erster und zweiter Welle (2017–2021 sowie 2023–2024) wurden rund 27.000 Personen mit und ohne Beeinträchtigungen und Behinderungen befragt. Eine aktualisierte Gesamtzahl der Menschen mit Beeinträchtigungen war zum Zeitpunkt der Prüfung nicht öffentlich verfügbar.
Quellen
- 7,8 Millionen schwerbehinderte Menschen leben in Deutschland (Stand 31.12.2025) · Statistisches BundesamtPrimärquelle · abgerufen am 06.09.2026
- Behinderte Menschen – Definitionen und Erhebungsmethodik · Statistisches BundesamtPrimärquelle · abgerufen am 06.09.2026
- Bevölkerung Deutschlands sinkt im Jahr 2025 um 0,1 % · Statistisches BundesamtPrimärquelle · abgerufen am 06.09.2026
- Mikrozensus – Lebenslagen der behinderten Menschen · Statistisches BundesamtPrimärquelle · abgerufen am 06.09.2026
- Mikrozensus: Menschen mit amtlich anerkannter Behinderung 2023 · REHADAT (Institut der deutschen Wirtschaft) · abgerufen am 06.09.2026
- Schwerbehinderte – Die soziale Situation in Deutschland · Bundeszentrale für politische BildungPrimärquelle · abgerufen am 06.09.2026
5Debattenkultur
Wie miteinander geredet wurde
Zwei Skalen von 1 bis 10, gleiche Kriterien für alle Fraktionen: Themenfokus (10 = Redezeit konsequent beim Thema) und Konfrontation (10 = maximal konfrontativer Ton).
Die Union argumentierte in den Sachdebatten meist konkret und kündigte Nachbesserungen an, etwa bei den Fristen für Bundesbauten und beim Ausschluss baulicher Änderungen. Abgrenzung erfolgte sachbezogen, teils mit deutlichen Zuspitzungen wie Stafflers Vorwurf des "plumpen Populismus" gegenüber den Grünen.
Die SPD blieb in den Fachdebatten überwiegend beim Thema und benannte auch Kritik am eigenen Regierungsentwurf – etwa Heubach beim Behindertengleichstellungsgesetz und Yüksel bei der Familienversicherung. Konfrontativ wurde es vor allem gegenüber der AfD, etwa als Yüksel eine Rede als "pathologische, faktenfreie Unsinnsrede" bezeichnete.
Die Grünen argumentierten inhaltlich detailliert, etwa mit Verweis auf die 66 Kommissionsvorschläge und die Fristen im Barrierefreiheitsgesetz. Der Ton war teils scharf zugespitzt, so bei Rüffers Vorwurf, die Koalition habe "einzig der Wirtschaftslobby ein Geschenk gemacht".
Die AfD lieferte in einzelnen Reden konkrete Fachkritik, etwa Fesers Analyse von § 7 des Gesetzentwurfs. Weit überwiegend wurden Debatten jedoch themenfremd auf Migration, Wahlkampfappelle und Mitgliederwerbung umgelenkt – Sichert rief in der Gesundheitsdebatte zum AfD-Eintritt für 10 Euro monatlich auf und verwendete abwertende Bezeichnungen für Transsexuelle; Przygodda erhielt eine Rüge der Präsidentin für die Bezeichnung einer Ministerin.
Die Linke blieb inhaltlich nah am jeweiligen Gegenstand, weitete Debatten aber regelmäßig auf grundsätzliche Sozialstaatsfragen aus, etwa Pellmanns Wechsel von der Barrierefreiheit zur Finanzierung der Sozialversicherung. Angriffe waren pointiert, etwa Gürpinars Kettensägen-Vergleich.
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