Bundestakt

6. Mai 2026 · 76. Sitzung · 21. Wahlperiode

Sozialstaatsreform und Bilanz nach einem Jahr Merz

01 / 05

Bas baut den Sozialstaat um

Arbeitsministerin Bärbel Bas kündigt an, alle 26 Empfehlungen der Sozialstaatskommission umzusetzen, vier Behördenstränge auf zwei zu reduzieren und im Juni ein flexibleres Arbeitszeitgesetz vorzulegen.

02 / 05

Rente bleibt die offene Flanke

Eine Anhebung der Regelaltersgrenze über 67 will Bas nicht ausschließen, solange die Alterssicherungskommission arbeitet. Die Linke hält ihr das SPD-Wahlprogramm vor, das genau das ablehnt.

03 / 05

Hormus-Blockade trifft die Ärmsten

Entwicklungsministerin Alabali Radovan nennt bis zu 45 Millionen zusätzlich von Hunger bedrohte Menschen. Die Weltbank stellt 100 Milliarden US-Dollar bereit, der deutsche Etat wird trotzdem gekürzt.

04 / 05

Streit über ein Jahr Merz

In der Aktuellen Stunde der AfD fordert Bernd Baumann Neuwahlen. Die Koalition kontert mit Industriestrompreis und Wachstumsbooster, Grüne und Linke werfen ihr Stillstand vor.

05 / 05

Grenzkontrollen unter Rechtsdruck

Die Grünen wollen die Binnengrenzkontrollen beenden, die Union verweist auf 56 000 Zurückweisungen. Die SPD will sie mit dem GEAS-Start am 12. Juni auslaufen lassen. Abgestimmt wurde nicht.

2Zahlen der Sitzung

So lief der Tag

Sitzungsdauer

5 Std. 40 Min.

Reden

169

Zwischenrufe

324

aus dem Protokoll gezählt

Abstimmungen

0

Redezeit je Fraktion

Näherung über die Wortzahl der Redebeiträge (~110 Wörter pro Minute)

Union
1 Std. 26 Min.
SPD
1 Std. 29 Min.
Grüne
47 Min.
AfD
1 Std. 5 Min.
Linke
33 Min.
Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
27 Min.
Parl. Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Wirtschaft und Energie
6 Min.
fraktionslos
2 Min.

Wer ruft dazwischen?

Zwischenrufe nach verursachender Fraktion, soweit im Protokoll zugeordnet

Union
40
SPD
23
Grüne
59
AfD
185
Linke
17

»Soziale Sicherheit soll nicht kleiner werden, sondern klüger.«

Bärbel BasSPD, Bundesministerin für Arbeit und Soziales

Bas fasste in ihrem einleitenden Bericht zur Regierungsbefragung ihren Anspruch an die geplante Generalüberholung des Sozialstaats zusammen. Die Frage, ob Reform gleich Kürzung bedeutet, prägte anschließend die gesamte Fragerunde.

Bundestag, 6. Mai 2026 – Sozialstaatsreform, Industriebilanz und Grenzkontrollen

Die Sitzung drehte sich um zwei Belastungsproben: den Umbau des Sozialstaats und die Lage der Industrie im Krisenjahr. Zwei Ministerinnen standen dem Parlament Rede und Antwort, danach rechneten Koalition und Opposition ein Jahr nach dem Regierungswechsel miteinander ab. Entscheidungen fielen keine.

Regierungsbefragung: Arbeit und Soziales

Bärbel Bas (SPD) kündigte an, alle 26 Empfehlungen der Sozialstaatskommission in fünf Arbeitspaketen umzusetzen und aus vier Behördensträngen zwei zu machen. Im Juni soll ein Entwurf für ein flexibleres Arbeitszeitgesetz samt elektronischer Zeiterfassung kommen. Eine höhere Regelaltersgrenze wollte sie vor dem Bericht der nicht ausschließen; Sarah Vollath und Pascal Meiser (Die Linke) hielten ihr das SPD-Wahlprogramm entgegen. Sören Pellmann fragte nach Werkstattlöhnen von 1,50 Euro pro Stunde, Ricarda Lang (Bündnis 90/Die Grünen) nach 280 000 arbeitslosen jungen Menschen.

Regierungsbefragung: Entwicklungspolitik

Reem Alabali Radovan berichtete, die Blockade der Straße von Hormus bedrohe zusätzlich bis zu 45 Millionen Menschen mit Hunger; die Weltbank stelle 100 Milliarden US-Dollar bereit. Schahina Gambir und Jan-Niclas Gesenhues (Grüne) warfen ihr die Kürzungen im Entwicklungsetat vor, die AfD fragte nach dem gescheiterten SAP-Projekt der GIZ.

Aktuelle Stunde: Ein Jahr Regierung Merz

Bernd Baumann (AfD) forderte Neuwahlen. Gitta Connemann (Parlamentarische Staatssekretärin) hielt ihm vor, über alles geredet zu haben, nur nicht über die Industrie, und nannte 120 000 verlorene Industriearbeitsplätze und den genehmigten Industriestrompreis. Julian Joswig (Grüne) und Mirze Edis (Die Linke) kritisierten Stillstand und Marktgläubigkeit, Sebastian Roloff (SPD) verteidigte und Handelsschutz für Stahl.

Anträge: Unterseekabel, Grenzkontrollen, Kriminalstatistik

Koalitionsredner warben für eine internationale Kabeldiplomatie zum Schutz von Unterseekabeln. Der Antrag der Grünen, die Binnengrenzkontrollen zu beenden, traf auf Alexander Throm (CDU/CSU), der 56 000 Zurückweisungen als Erfolg verbuchte; Hakan Demir (SPD) verwies auf das Ende der Kontrollen nach dem -Start. Den AfD-Antrag zur Polizeilichen Kriminalstatistik wiesen die anderen Fraktionen als Instrumentalisierung zurück.

3Top-Themen

Worum es wirklich ging

Thema 1

Sozialstaatsreform, Rente und Werkstattlöhne

Worum es geht

Arbeitsministerin Bärbel Bas stellte in der Regierungsbefragung die geplante Umsetzung des Sozialstaatsberichts vor: 26 Empfehlungen, fünf Arbeitspakete, Zusammenlegung steuerfinanzierter Leistungen und statt vier künftig zwei Behördenstränge – einer für Erwerbstätige, einer für Nichterwerbstätige. Gleichzeitig muss ihr Haus zur Haushaltskonsolidierung beitragen; im Gespräch sind Einsparungen bei der Rente und eine Kürzung beim Wohngeld. Die Alterssicherungskommission legt im Juni Vorschläge für die Zeit ab 2031 vor, ein Gesetzentwurf zum flexibleren Arbeitszeitgesetz soll ebenfalls im Juni kommen. Umstritten blieben außerdem die Werkstattentgelte von rund 1,50 Euro pro Stunde und der vom Kanzleramt geführte Dialogprozess zu Eingliederungs- und Jugendhilfe.

Was heißt das für dich?

Wenn du Sozialleistungen beziehst, könnte sich der Weg zum Amt bald ändern: weniger Anträge, mehr Automatik – das antraglose Kindergeld ist der Prototyp. Arbeitest du in Teilzeit oder willst du Familie und Job besser verbinden, entscheidet der Juni-Entwurf zum Arbeitszeitgesetz darüber, wie flexibel deine Woche werden darf und wie streng deine Zeit erfasst wird. Bist du jung oder Berufseinsteigerin, betrifft dich, dass Ausbildungsverträge zurückgehen und die Arbeitslosigkeit unter 25 im April um 6,4 Prozent gestiegen ist. Und wenn du auf Wohngeld oder eine Rente knapp über Grundsicherungsniveau angewiesen bist, hängt viel davon ab, wie die Haushaltsberatungen im Juli ausgehen.

Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
CDU/CSU

Die Union drängt auf mehr Flexibilität im Arbeitszeitrecht und stellt das Bundesteilhabegesetz wegen der Kostenentwicklung bei den Kommunen auf den Prüfstand. Sie fragt nach Pauschalierungen, Entbürokratisierung und Schnittmengen mit Ländern und Kommunen.

»Auf der anderen Seite brauchen wir, glaube ich, um klug zu handeln, auch flexible Möglichkeiten im Rahmen des Arbeitszeitgesetzes«Peter Aumer
SPD

Bas will den Sozialstaat digitaler, einfacher und bürgernäher machen, ohne Leistungen zu kürzen. Sie verspricht Strukturreformen statt Einschnitten, ein Gesamtpaket beim Arbeitszeitgesetz und eine Werkstattreform, die auch die Entgelte umfasst. Eine höhere Regelaltersgrenze schließt sie vor dem Kommissionsbericht ausdrücklich nicht aus.

»Wir brauchen grundlegende Reformen und werden den Sozialstaat generalüberholen.«Bärbel Bas
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Die Grünen kritisieren fehlende Antworten auf Einstiegshürden für junge Menschen, die geplante Kürzung von 1 Milliarde Euro beim Wohngeld und die Vorschläge aus dem Kanzleramt zu Eingliederungs- und Jugendhilfe. Sie fordern Prävention und Reha statt Sparen am Rehabudget.

»Die Jugendarbeitslosigkeit steigt noch mal deutlich stärker als die allgemeine Arbeitslosigkeit.«Ricarda Lang
AfD

Die AfD spricht von einer Plünderung der Rentenkasse durch nicht beitragsfinanzierte Leistungen und fordert Einsparungen nicht bei Rentnern, sondern bei Zuwanderung in die Sozialsysteme. Sie stellt zudem die Wirksamkeit der Arbeitsmarktinstrumente im SGB II infrage und greift Bas' 1.-Mai-Rede an.

»Warum sparen Sie nicht bei der Einwanderung in die Sozialsysteme?«René Springer
Die Linke

Die Linke verlangt ein Ende der Werkstattlöhne von 1,50 Euro pro Stunde und lehnt jede weitere Anhebung der Regelaltersgrenze ab. Sie hält der Ministerin vor, dass die Lebenserwartung von Rentnerinnen und Rentnern trotz gestiegener Altersgrenze nicht zugenommen habe, und nennt die Sparpolitik Sozialabbau.

»Entgegen der öffentlichen Darstellung ist die Lebenserwartung von Rentnerinnen und Rentnern in dieser Zeit nicht gestiegen.«Sarah Vollath

Thema 2

Ein Jahr Merz: Industrie zwischen Krise und Entlastung

Worum es geht

Die AfD hatte eine Aktuelle Stunde zum ersten Jahr der Regierung Merz und den Folgen für Deutschland als Industrienation beantragt. Die Zahlen der Debatte: rund 20 Prozent der Bruttowertschöpfung entstehen in der Industrie, 7,25 Millionen Menschen arbeiten dort, die Umsätze sind zehn Quartale in Folge gesunken, im vergangenen Jahr gingen mehr als 120 000 Industriearbeitsplätze verloren. Die Regierung verweist auf abgeschaffte Gasspeicherumlage, gesenkte Netzkosten, reduzierte Stromsteuer für energieintensive Betriebe und den beihilferechtlich genehmigten Industriestrompreis. Belastend wirken der Irankrieg mit der Blockade der Straße von Hormus, der Zollkonflikt mit den USA und die Konkurrenz aus China.

Was heißt das für dich?

Arbeitest du in Industrie, Zulieferung oder Handwerk, entscheidet der Industriestrompreis mit darüber, ob dein Betrieb die nächsten Jahre planen kann – er gilt für rund 9 500 energieintensive Unternehmen und ist bis Ende 2028 befristet. Als Verbraucherin merkst du die Krise am Sprit- und Gaspreis; der Tankrabatt von 17 Cent und eine 1 000-Euro-Sonderprämie waren die Antworten, die in der Debatte am stärksten kritisiert wurden. Für Berufseinsteiger heißt der Streit: Wo Batteriefabriken und Leitmärkte entstehen, entstehen Jobs – wo sie ausbleiben, wird es dünn. Und über das 500-Milliarden-Sondervermögen wird entschieden, ob dein Weg zur Arbeit über eine sanierte Brücke oder eine Umleitung führt.

Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
CDU/CSU

Die Union bestreitet eine Regierungskrise und führt Protektionismus, hohe Energiepreise und die chinesische Konkurrenz als Ursachen an. Sie setzt auf Technologieoffenheit, Freihandelsabkommen, ein Gesetzespaket zu Kraftwerken, Netzen und EEG sowie die Abschaffung des deutschen Lieferkettengesetzes.

»Erstens gibt es schlichtweg keine Regierungskrise.«Dr. Klaus Wiener
SPD

Die SPD verweist auf Sondervermögen, Wachstumsbooster, Klimaschutzverträge und den verbesserten Handelsschutz für Stahl, den sie als Grund für die Kehrtwende bei thyssenkrupp nennt. Sie fordert eine härtere EU-Handelspolitik gegenüber USA und China sowie Leitmärkte und Local Content.

»In ihrem ersten Jahr hat diese Koalition die Weichen für den Aufschwung gestellt.«Sebastian Roloff
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Die Grünen halten der Regierung vor, Kraftwerksstrategie, EEG-Novelle, Netzpaket und Gebäudemodernisierungsgesetz lägen noch nicht im Parlament. Sie kritisieren Tankrabatt und Subventionen als Umverteilung zu den Mineralölkonzernen und fordern schnelleren Ausbau der Erneuerbaren als Wirtschaftspolitik.

»Das Einzige, was zuverlässig gewachsen ist, ist die Enttäuschung.«Julian Joswig
AfD

Die AfD erklärt die Koalition für gescheitert, fordert Neuwahlen oder die Entlassung der SPD-Minister und wirbt für Kernkraft, Verbrennermotor, Ende der CO2-Abgaben und niedrigere Steuern. Beatrix von Storch rechnet die Schulden- und Zinslasten bis 2030 vor und stellt die Verteidigungsausgaben infrage.

»Meine Damen und Herren von der Union, beenden Sie diese Koalition!«Bernd Baumann
Die Linke

Die Linke fordert einen Staat, der investiert, plant und Bedingungen stellt: Steuergeld nur gegen Tarifverträge, Mitbestimmung und Standortgarantien. Sie kritisiert 60 Milliarden Euro Dividenden im Jahr 2025 und verlangt, gerettete Betriebe in die Hand der Beschäftigten zu geben.

»Gewinne privatisieren, Risiken sozialisieren.«Mirze Edis

Thema 3

Grenzkontrollen, Zurückweisungen und Rechtsstaat

Worum es geht

Bündnis 90/Die Grünen forderten mit einem Antrag, die Binnengrenzkontrollen und die Zurückweisungen an der Grenze zu beenden; die Linke argumentierte in dieselbe Richtung. Grundlage der Kritik sind mehrere Gerichtsentscheidungen, unter anderem des Verwaltungsgerichts Koblenz und des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs, die die Praxis für rechtswidrig hielten. Die Regierungsfraktionen verweisen auf die Zahlen seit Beginn: 56 000 Zurückweisungen, vollstreckte Haftbefehle, festgenommene Schleuser – und darauf, dass viele EU-Staaten ihre Pflichten aus der Dublin-Verordnung nicht erfüllen. Die Kontrollen laufen seit dem 16. September 2024, die Kosten wurden mit fast 140 Millionen Euro benannt. Im April 2026 gab es 6 144 Asylerstanträge.

Was heißt das für dich?

Pendelst du über eine Binnengrenze oder fährst du beruflich Lkw, entscheidet dieser Streit darüber, ob du weiter an Kontrollstellen wartest oder ob die provisorischen Anlagen wieder abgebaut werden. Wohnst du in einer Grenzregion, geht es auch um die Freizügigkeit, mit der du einkaufen, arbeiten und studieren kannst. Bist du bei der Polizei, betrifft dich die Debatte über Zwölfstundenschichten und Kräfte, die an Bahnhöfen und Flughäfen fehlen. Und wenn du Schutz suchst oder Angehörige hast, die es tun, hängt an der Frage, ob es ein Verfahren gibt oder eine Zurückweisung ohne Prüfung.

Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
CDU/CSU

Die Union zieht eine Erfolgsbilanz: durchbrochene Schleuserketten, vollstreckte Haftbefehle, sinkende Asylzahlen und ein Dominoeffekt bei den Nachbarstaaten. Sie hält die Kontrollen so lange für nötig, bis das neue europäische Asylsystem wirkt, und verweist auf Rechtsbrüche anderer EU-Staaten bei Eurodac und Dublin.

»Die Grenzkontrollen, Herr Kollege Emmerich, sind ein großer Sicherheitsgewinn für Deutschland, liebe Kolleginnen und Kollegen.«Alexander Throm
SPD

Die SPD nennt den Antrag der Grünen inhaltlich berechtigt, verteidigt Kontrollen aber als lagebezogenes Instrument. Sie verweist auf die Belastung der Bundespolizei, auf juristische Zweifel und darauf, dass die Kontrollen mit dem Inkrafttreten des GEAS am 12. Juni enden sollen.

»Grenzkontrollen können in besonderen Situationen ein Instrument sein, aber sie dürfen nicht zum Dauerzustand werden.«Rasha Nasr
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Die Grünen nennen die Kontrollen rechtswidrig, teuer und wirkungslos und werfen dem Innenminister vor, Gerichtsentscheidungen zu ignorieren. Sie fordern, die 14 000 eingesetzten Bundespolizisten an Bahnhöfen, Flughäfen und bei schwerer Kriminalität einzusetzen.

»Maximale Show, minimaler Effekt – das ist eine verheerende Bilanz, Herr Innenminister!«Marcel Emmerich
AfD

Die AfD hält die bestehenden Kontrollen für Symbolpolitik, weil Kontrollstellen landeinwärts liegen und nicht rund um die Uhr besetzt seien. Sie leitet aus der Dublin-III-Verordnung und Artikel 23 Grundgesetz ein nationales Recht zur Zurückweisung ab und fordert echte Grenzsicherung.

»Das ist keine seriöse Grenzsicherung, das ist Theater.«Markus Matzerath
Die Linke

Die Linke sieht in der behaupteten Notlage eine Konstruktion, um EU-Recht zu umgehen, und kritisiert Zurückweisungen ohne Verfahren als Verstoß gegen die Genfer Flüchtlingskonvention. Sie rechnet 140 Millionen Euro Kosten gegen fehlende Entlastung der Kommunen auf und verurteilt Abschiebungen nach Afghanistan.

»Seit einem Jahr täuscht diese Bundesregierung also eine Notlage vor, um europäische Gesetze zu umgehen und Schutzsuchende zu entrechten.«Clara Bünger

4Faktencheck

Behauptungen im Check

Überprüfbare Tatsachenbehauptungen aus der Debatte, recherchiert mit aktuellen Quellen und redaktionell geprüft. Bewertet werden Aussagen, nicht Personen – zur Methodik.

1 / 10
Reem Alabali RadovanBundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Teilweise belegt
»Das Welternährungsprogramm warnt, dass allein durch die Blockade der Straße von Hormus zusätzlich bis zu 45 Millionen Menschen von Hunger bedroht sind.«

Einleitender Bericht der Entwicklungsministerin zu den Folgen der Krise am Persischen Golf.

So haben wir geprüft

Behauptung: "Das Welternährungsprogramm warnt, dass allein durch die Blockade der Straße von Hormus zusätzlich bis zu 45 Millionen Menschen von Hunger bedroht sind." (Reem Alabali Radovan, Regierungsbefragung im Bundestag, 6. Mai 2026)

Die Zahl selbst und die Quellenangabe stimmen: Eine neue Analyse des Welternährungsprogramms (WFP) schätzt, dass fast 45 Millionen weitere Menschen in akute Ernährungsunsicherheit oder schlechter (IPC3+) geraten könnten – zusätzlich zu den 318 Millionen Menschen, die weltweit bereits von Ernährungsunsicherheit betroffen sind. Ungenau ist jedoch das Wort "allein": Die WFP-Projektion beruht nicht isoliert auf der Sperrung der Meerenge, sondern auf einem Szenario – sie gilt, wenn der Konflikt nicht bis zur Jahresmitte endet und die Ölpreise über 100 US-Dollar pro Barrel bleiben. Methodisch modelliert das WFP dabei die Weitergabe des Energiepreisschocks auf die Lebensmittelpreise in den betroffenen Ländern: Für die 53 Länder mit verfügbaren Daten wird ein Anstieg um 45 Millionen Menschen gegenüber einer Vorkonflikt-Basis von 318 Millionen projiziert, sofern der Konflikt im zweiten Quartal anhält. Die Blockade ist also ein zentraler Treiber dieses Preisschocks, aber die 45 Millionen sind eine Konfliktfolgen-Schätzung insgesamt – nicht ein isoliert der Hormus-Sperrung zurechenbarer Effekt.

Zweite Unschärfe: Es handelt sich um eine bedingte Prognose, nicht um eine bereits eingetretene Lage. Zum Zeitpunkt der Rede war die März-Projektion die aktuellste Zahl; das WFP hat das Szenario erst später als eintretend bezeichnet: Im März habe das WFP projiziert, dass 45 Millionen Menschen in akute Ernährungsunsicherheit geraten könnten, falls der Konflikt anhält und die Ölpreise bis Ende Juni um 100 US-Dollar pro Barrel bleiben – dieses Szenario trete nun ein. Im Kern ist die Aussage damit zutreffend, in der Zuschreibung der Ursache ("allein") und im Weglassen der Bedingungen jedoch unpräzise.

Quellen

5Debattenkultur

Wie miteinander geredet wurde

Zwei Skalen von 1 bis 10, gleiche Kriterien für alle Fraktionen: Themenfokus (10 = Redezeit konsequent beim Thema) und Konfrontation (10 = maximal konfrontativer Ton).

CDU/CSU
Themenfokus7/10
Konfrontation7/10

In der Regierungsbefragung und bei Unterseekabeln und Grenzkontrollen blieben Aumer, Oellers, Zippelius und Throm sachlich und fragten konkret nach Zeitplänen. In der Aktuellen Stunde verlagerten Kuban, Schreiner und Koller die Redezeit stark auf die Abrechnung mit der AfD, teils mit scharfen Zuschreibungen wie 'Schmuddelkinder'.

SPD
Themenfokus7/10
Konfrontation7/10

Roloff und Nasr argumentierten detailliert zu Handelsschutz, Industriestrompreis und Grenzkontrollen, Demir nannte konkrete Asylzahlen. Özdemir und Lindh wechselten dagegen zu persönlichen Vorwürfen gegen die AfD, von 'Vetternwirtschaft' bis 'völkisch'.

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Themenfokus8/10
Konfrontation6/10

Lang, Gambir, Gesenhues und Emmerich blieben durchgehend beim jeweiligen Sachthema und arbeiteten mit belegten Zahlen zu Jugendarbeitslosigkeit, Wohngeld und Klimafinanzierung. Die Abgrenzung war deutlich, aber sachbezogen, etwa mit dem Bild des 'Regentrommlers' für den Innenminister.

AfD
Themenfokus4/10
Konfrontation8/10

Die von ihr selbst beantragte Aktuelle Stunde zur Industrienation nutzte Baumann überwiegend für Kanzler-Umfragewerte und Koalitionsbruchszenarien, von Storch für Schulden und BlackRock; auf die Industrie kam die Fraktion kaum zu sprechen. In der Regierungsbefragung wurden Fragen zur Biografie und zur 1.-Mai-Rede der Ministerin gestellt, Hess sprach von 'links-grün-roten Desinformationskampagnen'.

Die Linke
Themenfokus6/10
Konfrontation7/10

Pellmann, Vollath, Bünger und Köstering blieben mit Werkstattlöhnen, Regelaltersgrenze, Kosten der Grenzkontrollen und Kritik an der PKS eng am Thema. Edis' Rede zur Industrie und Pantisanos Interventionen zur Kriminalstatistik verschoben den Fokus dagegen auf die Auseinandersetzung mit der AfD und deren Strafverfahren.

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