22. April 2026 · 73. Sitzung · 21. Wahlperiode
Raumfahrtpolitik nach Artemis 2 und Sozialkürzungen
Artemis 2 dominiert den Sitzungstag
Die geglückte Mondumrundung beherrscht Regierungsbefragung und Aktuelle Stunde. Ministerin Bär feiert das in Bremen gebaute Servicemodul und 7,5 Milliarden Euro für Raumfahrt in dieser Legislaturperiode.
Streit um ein durchgestochenes Papier
Thorsten Frei nennt die kursierende Sparliste eine "unabgestimmte Ideensammlung". Linke und Grüne rechnen vor: 300.000 Kinder Alleinerziehender und 450.000 Kinder bei der Schulassistenz wären betroffen.
BAföG hängt in der Warteschleife
Bär bestätigt: Die Reform steckt zwischen Finanz- und Forschungsministerium fest. Ihr Ratschlag an Studierende, die 512 Euro Durchschnittsmiete zahlen: "Nebenjobs bringen niemanden um."
AfD will Atomkraftwerke prüfen lassen
Ein Antrag auf eine Expertenkommission zur Wiederinbetriebnahme abgeschalteter Reaktoren scheitert. Union, SPD, Grüne und Linke verweisen auf den fortgeschrittenen Rückbau.
Zwei Gesetze gehen in die Ausschüsse
Das Binnenmarkt-Notfallinstrument für Funkanlagen und der Linken-Antrag zu globaler Umverteilung wurden beraten. Die Kraftwerksstrategie soll die Versorgungslücke ab 2030 schließen.
2Zahlen der Sitzung
So lief der Tag
Sitzungsdauer
5 Std. 30 Min.
Reden
165
Zwischenrufe
249
aus dem Protokoll gezählt
Abstimmungen
1
Redezeit je Fraktion
Näherung über die Wortzahl der Redebeiträge (~110 Wörter pro Minute)
Wer ruft dazwischen?
Zwischenrufe nach verursachender Fraktion, soweit im Protokoll zugeordnet
Die Abstimmungen
Antrag der AfD: Expertenkommission zur Prüfung der Wiederinbetriebnahme abgeschalteter Kernkraftwerke
per Handzeichen
»Es ist nicht verboten, neben dem Bezug von BAföG – das gilt übrigens auch für die Studentinnen und Studenten, die kein BAföG beziehen – auch noch zu jobben.«
Bär antwortete auf Nicole Gohlkes Vorrechnung, dass an fünf von sechs Hochschulstandorten die Miete auch nach der geplanten BAföG-Erhöhung über der Wohnkostenpauschale liegt. Das Zitat markiert den Kern des Sitzungskonflikts: Milliardeninvestitionen in Hightech auf der einen, Verweis auf Eigenverantwortung bei Sozialleistungen auf der anderen Seite.
Bundestag, 22. April 2026 – Mondmission, Sparpapier und Streit über Prioritäten
Ein Sitzungstag mit doppeltem Boden: Oben ging es um den Weltraum, unten um die Frage, wer die Rechnung zahlt. Forschungsministerin Dorothee Bär und Kanzleramtschef Thorsten Frei stellten sich der , danach widmete die Koalition dem Erfolg der Artemis-2-Mission eine eigene . Die Opposition nutzte beide Debatten, um über BAföG, Kinder- und Jugendhilfe und die Lage der Kommunen zu sprechen.
Regierungsbefragung: Forschung, Nachrichtendienste, Sparpläne
Bär warb für die Hightech Agenda mit 18 Milliarden Euro bis 2029 und berichtete von 286 Wissenschaftlern aus 45 Nationen im 1000-Köpfe-Plus-Programm. Ayse Asar (Grüne) hielt ihr entgegen, 36 Prozent der Studierenden seien armutsbetroffen, während 1,6 Milliarden Euro in einen Tankrabatt flössen. Frei verteidigte die heute im Kabinett beschlossene IP-Adressen-Speicherung als zentrales Mittel gegen sexuellen Kindesmissbrauch und kündigte ein neues Nachrichtendienstgesetz bis Jahresende an. Auf Heidi Reichinneks Frage nach dem durchgestochenen Sparpapier verwies er auf ein Defizit der Kommunen von über 30 Milliarden Euro.
Aktuelle Stunde: Artemis 2 und die deutsche Raumfahrt
Andreas Mayer (AfD) sprach von "Floskeln und Ankündigungen" und forderte Deregulierung, Sonja Lemke (Die Linke) kritisierte 35 Milliarden Euro für militärische Raumfahrtarchitektur. Claudia Müller (Grüne) mahnte, kleine und mittlere Unternehmen bei Vergaben wie SATCOMBw nicht zu übergehen. Stephan Albani (CDU/CSU) beendete die Debatte mit einem Bogen von Star Trek zur Medizintechnik.
Gesetzentwurf: Notfallverfahren für den Binnenmarkt
Der Entwurf zur Umsetzung des Single Market Emergency Instrument wurde in erster Lesung beraten. Dr. Saskia Ludwig (CDU/CSU) betonte, Beschleunigung dürfe Sicherheit nicht ersetzen. Uwe Schulz (AfD) sah eine Machtverschiebung nach Brüssel, Jens Peick (SPD) verwies auf die Nexperia-Chipkrise.
Anträge: Kernkraft und globale Umverteilung
Der AfD-Antrag für eine Expertenkommission zur Wiederinbetriebnahme von Kernkraftwerken wurde abgelehnt. Der Antrag der Linken zu globaler Umverteilung ging in die Beratung; Dr. Inge Gräßle (CDU/CSU) setzte auf Marktzugänge statt Umverteilung.
3Top-Themen
Worum es wirklich ging
Thema 1
Raumfahrt als Industrie- und Sicherheitspolitik
Worum es geht
Die NASA-Mission Artemis 2 hat Anfang April 2026 erstmals seit über 50 Jahren wieder Menschen um den Mond geflogen. Deutschland lieferte über die europäische Raumfahrtagentur ESA das European Service Module, das die Crew mit Sauerstoff, Wasser, Strom und Antrieb versorgte, gebaut vor allem in Bremen. Deutschland hat bei der ESA-Ministerratskonferenz im Herbst 2025 mit 5,4 Milliarden Euro die höchste Summe gezeichnet; das Forschungsministerium stellt in dieser Legislaturperiode rund 7,5 Milliarden Euro für Raumfahrt bereit. Das Verteidigungsministerium plant bis 2030 bis zu 35 Milliarden Euro für militärische Weltraumsicherheit. Parallel laufen der europäische Gesetzgebungsprozess zum EU Space Act und die Arbeit an einem nationalen Raumfahrtgesetz, dessen Zeitplan offen ist.
Was heißt das für dich?
Raumfahrt klingt weit weg, steckt aber in deinem Alltag: Navigation auf dem Handy läuft über europäische Galileo-Satelliten, Wettervorhersage und Katastrophenwarnung über Erdbeobachtung. Über den sogenannten Geo-Return fließen die deutschen ESA-Beiträge nach Angaben der Ministerin zu 100 Prozent als Aufträge an Unternehmen in Deutschland zurück, also in Arbeitsplätze bei Zulieferern und Start-ups. Wenn du in einem technischen Beruf arbeitest oder studierst, entstehen hier gut bezahlte Stellen in Bremen, Augsburg, Jena, Köln oder Ottobrunn. Und wenn Regulierung und Startkapazitäten nicht zusammenpassen, kann genau dieser Markt auch an dir vorbeiziehen.
Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
Raumfahrt ist strategische Infrastruktur, Industriepolitik und Sicherheitspolitik in einem. Die Fraktion fordert wenig Regulierung, viel Planbarkeit und den Staat als Ankerkunden, der Nachfrage bei Startkapazitäten und Kommunikation schafft. Sie betont zudem den Nutzen für die MINT-Begeisterung junger Menschen.
»Die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir uns Raumfahrt leisten können. Die entscheidende Frage lautet, ob wir es uns leisten können, bei einer solchen Schlüsseltechnologie nur Zuschauer zu sein.«– Florian Müller
Die SPD sieht Raumfahrt als Verbindung von Forschungs-, Wirtschafts- und Sicherheitspolitik und will besonders kleine und mittlere Unternehmen sowie Start-ups an Aufträgen beteiligen. Sie setzt auf internationale und europäische Zusammenarbeit und lehnt eine Abhängigkeit von einzelnen Milliardären ab. Aus den 35 Milliarden Euro des Verteidigungsressorts erhofft sie sich einen Schub für Dual-Use-Forschung.
»Wir wollen, dass die Staaten über die Nutzung des Weltalls entscheiden; da haben Ihre Ergebenheitsadressen an Elon Musk hier überhaupt keinen Wert.«– Oliver Kaczmarek
Die Grünen loben die gestiegene Sichtbarkeit des Themas, vermissen aber eine klare Strategie und Eckpunkte für das nationale Raumfahrtgesetz. Sie fordern ein Bekenntnis zu europäischen Regeln, einheitliche Standards und Cybersicherheitsvorgaben sowie verbindliche Regeln gegen Weltraumschrott. Kleine und mittlere Unternehmen müssten bei Großvergaben berücksichtigt werden.
»Ja, das neue Raumfahrtministerium hat dem Thema mehr Sichtbarkeit gegeben. Das ist extrem wichtig und gut. Doch Sichtbarkeit allein ersetzt keine Strategie.«– Ayse Asar
Die AfD wirft der Regierung vor, im Bereich Raumfahrt nichts abgeliefert zu haben, und verweist auf das fehlende nationale Raumfahrtgesetz. Sie fordert umfassende Deregulierung, mehr private Initiative und kritisiert den EU Space Act als Entmachtung der Nationalstaaten. Als Vorbild nennt sie private US-Anbieter mit ihren hohen Startzahlen.
»Was der Raumfahrtsektor daher am dringendsten braucht, ist eine umfassende und entschlossene Deregulierung.«– Andreas Mayer
Die Linke warnt vor einer Militarisierung des Weltraums und kritisiert die 35 Milliarden Euro der Bundeswehr als Aufrüstungsspirale. Sie fordert, Zugang zum Weltraum und Satellitennetze als öffentliche Güter zu behandeln und verbindliche internationale Regeln für friedliche Nutzung durchzusetzen. Außerdem verweist sie auf Umweltfolgen und Weltraumschrott.
»Der Zugang zum Weltraum und zu den Satellitennetzen müssen öffentliche Güter sein.«– Sonja Lemke
Thema 2
BAföG-Reform und Studierendenarmut
Worum es geht
Union und SPD haben im Koalitionsvertrag eine BAföG-Reform verabredet, unter anderem eine Erhöhung der Wohnkostenpauschale um 60 Euro auf 440 Euro zum Wintersemester. Ein Kabinettsbeschluss liegt bislang nicht vor; nach Angaben von Ministerin Bär laufen noch Verhandlungen zwischen Bundesfinanzministerium und ihrem Haus. Die Opposition verweist auf Zahlen, nach denen 36 Prozent der Studierenden armutsbetroffen sind und ein WG-Zimmer im Bundesschnitt 512 Euro kostet, 3,9 Prozent mehr als im Vorjahr. An 83 Prozent der Hochschulstandorte liegt die Durchschnittsmiete über der BAföG-Wohnkostenpauschale. Hochschulrektorenkonferenz und Deutsches Studierendenwerk sprechen laut Grünen von einem Trauerspiel.
Was heißt das für dich?
Wenn du studierst und BAföG beziehst, entscheidet dieser Streit darüber, ob du im Wintersemester 60 Euro mehr für die Miete hast oder nicht. Selbst mit der geplanten Erhöhung auf 440 Euro reicht die Pauschale nach den in der Debatte genannten Zahlen an fünf von sechs Hochschulstandorten nicht für die tatsächliche Miete. Die Ministerin verwies ausdrücklich auf Nebenjobs als Teil der Lösung, was bedeutet: mehr Stunden neben dem Studium, weniger Zeit für Prüfungen. Geplant ist außerdem ein leichterer, digitaler Antrag samt BAföG-Chatbot, was die Bürokratie beim Antrag reduzieren soll.
Wo die Fraktionen stehen3 Positionen
Ministerin Bär bekennt sich zur BAföG-Reform als Koalitionsziel und betont, es gehe um mehr als eine Erhöhung, nämlich auch um leichteren, digitalen Zugang. Sie weigert sich, BAföG gegen den Tankrabatt auszuspielen, und verweist auf allgemeine Sparnotwendigkeiten und auf die Möglichkeit von Nebenjobs.
»Wir haben Zeiten von großen Herausforderungen. Alle müssen, alle sollen ihren Gürtel enger schnallen.«– Dorothee Bär
Die Grünen kritisieren die Prioritätensetzung der Regierung: 1,6 Milliarden Euro für einen Tankrabatt, aber keine Klarheit bei der BAföG-Reform. Sie verlangen ein auskömmliches BAföG und eine verbindliche Zusage für das Wintersemester.
»36 Prozent aller Studierenden sind aktuell armutsbetroffen.«– Ayse Asar
Die Linke rechnet vor, dass zwei Monate Tankrabatt fast 25-mal so viel kosten wie eine höhere Wohnpauschale für Studierende, und fordert, beides zu tun. Sie hält die geplante Erhöhung auf 440 Euro für zu gering, weil sie an den meisten Hochschulstandorten die Miete nicht deckt.
»Warum ist im Bundeshaushalt kein Geld für Studierende zu finden, sondern eben nur für die Unternehmen und Autofahrer, auch wenn das ebenfalls sehr wichtig ist?«– Nicole Gohlke
Thema 3
Sparpapier zu Kinder- und Jugendhilfe und die Kommunalfinanzen
Worum es geht
In der Woche vor der Sitzung wurde ein im Kanzleramt koordiniertes Arbeitspapier bekannt, das Leistungskürzungen bei Kindern, Jugendlichen, Familien und Menschen mit Behinderungen erwägt. Kanzleramtschef Thorsten Frei bezeichnete es als unabgestimmte, ungewichtete Ideensammlung, die ohne Absicht an die Öffentlichkeit gelangt sei. Hintergrund sind ein Auftrag der Ministerpräsidentenkonferenz vom 4. Dezember, ein Referentenentwurf zur Kinder- und Jugendhilfe aus dem Bildungs- und Familienministerium sowie ein Dialogprozess im Arbeitsministerium zur Eingliederungshilfe. Frei verwies darauf, dass sich die Ausgaben in Eingliederungs- sowie Kinder- und Jugendhilfe in zehn Jahren verdoppelt hätten und die Kommunen im letzten Jahr ein Defizit von über 30 Milliarden Euro verzeichneten.
Was heißt das für dich?
Nach den in der Debatte genannten Zahlen wären 300.000 Kinder von Kürzungen bei Alleinerziehenden und 450.000 Kinder bei der Schulassistenz betroffen. Im Gespräch ist laut Opposition auch, den Unterhaltsvorschuss auf den Stand von 2017 zurückzudrehen, was bedeuten würde: für Kinder ab zwölf Jahren gibt es ihn nicht mehr. Wenn du alleinerziehend bist und deine Arbeitszeit aufstocken willst, hängt das am Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung, dessen Start laut Grünen und Linken verschoben werden soll. Frei selbst brachte in die Debatte ein, den staatlichen Unterhaltsvorschuss künftig nur noch an sozial Bedürftige zu zahlen.
Wo die Fraktionen stehen4 Positionen
Frei stellt das Papier als unverbindliche Ideensammlung dar und betont, es gehe um Organisation, Struktur und Effizienz, nicht um pauschale Kürzungen. Er verweist auf die Ausgabendynamik in den Kommunen und auf ein Länder- und Kommunalentlastungsgesetz zu Altschulden. Zugleich hält er eine Bedürftigkeitsprüfung beim Unterhaltsvorschuss für denkbar.
»Das ist eine Ideensammlung, die unabgestimmt ist, die ungewichtet ist,«– Thorsten Frei
Die SPD greift das Thema aus der Investitionsperspektive auf und fragt nach den Zielen der Strukturreform sowie nach Maßnahmen gegen die Krise der mentalen Gesundheit junger Menschen. Sie betont, dass Investitionen in eine qualitativ hochwertige Kinder- und Jugendhilfe Investitionen in Gesellschaft und Wirtschaft seien.
»Wir erleben ja gleichzeitig auch gerade eine Krise der mentalen Gesundheit von jungen Menschen.«– Truels Reichardt
Die Grünen nehmen die Finanznot der Kommunen ernst, halten Sparvorschläge auf Kosten von Familien, Kindern und Frauen aber für falsch. Sie sehen einen Widerspruch zwischen dem Ziel höherer Vollzeitbeschäftigung und einer Verschiebung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung. Bei einem kommunalen Defizit von rund 30 Milliarden Euro und einer auf 0,5 Prozent gesenkten Wachstumsprognose fordern sie Entlastung statt Streichliste.
»Da fragt man sich, ob die linke Hand wirklich weiß, was die rechte tut.«– Dr. Anja Reinalter
Die Linke nennt das Papier eine konkrete Drohung, deren erste Vorschläge sich bereits in der SGB-VIII-Reform finden. Sie fordert eine bessere Ausstattung der Kommunen statt Kürzungen und warnt, dass Sparen bei Prävention später doppelt und dreifach teuer werde. Beim Unterhaltsvorschuss verweist sie darauf, dass das Kindergeld bereits voll angerechnet wird.
»Wir alle wissen ja: Wenn man bei Prävention spart, dann zahlt man am Ende doppelt und dreifach drauf.«– Heidi Reichinnek
4Faktencheck
Behauptungen im Check
Überprüfbare Tatsachenbehauptungen aus der Debatte, recherchiert mit aktuellen Quellen und redaktionell geprüft. Bewertet werden Aussagen, nicht Personen – zur Methodik.
»denn zur Wahrheit gehört eben auch, dass sich die Ausgaben im Bereich der Eingliederungshilfe und auch der Kinder- und Jugendhilfe in den letzten zehn Jahren verdoppelt haben, was dazu geführt hat, dass die Kommunen im letzten Jahr ein Defizit von über 30 Milliarden Euro hatten.«
Frei verteidigt ein durchgestochenes Arbeitspapier mit Kürzungsvorschlägen bei Kinder- und Jugendhilfe mit dem Verweis auf die Finanzlage der Kommunen.
So haben wir geprüft
Die Defizitzahl stimmt: Die Kommunen in Deutschland (Kern- und Extrahaushalte, ohne Stadtstaaten) verzeichneten 2025 ein Finanzierungsdefizit von 31,9 Milliarden Euro – das höchste kommunale Finanzierungsdefizit seit der deutschen Vereinigung 1990, gegenüber 24,8 Milliarden Euro im Jahr 2024. Laut Statistischem Bundesamt entstand dieses Defizit aus einem Einnahmenzuwachs um 4,1 Prozent auf 391,4 Milliarden Euro und einem Ausgabenzuwachs um 5,6 Prozent auf 423,3 Milliarden Euro – also aus einer Schere, die weit mehr Posten umfasst als die zwei genannten Sozialbereiche: Die größten Ausgabensteigerungen gab es bei den Personalausgaben (+6,3 Prozent), zurückzuführen auf die Tariferhöhung im April 2025 und den Personalausbau; die Sozialleistungen stiegen um 5,9 Prozent, darunter besonders deutlich die Eingliederungshilfen nach SGB IX (+11,2 Prozent) und die Kinder- und Jugendhilfe nach SGB VIII (+8,8 Prozent). Die beiden Bereiche sind damit belegbar starke Kostentreiber, aber die Formulierung "was dazu geführt hat" legt eine Alleinursache nahe, die die amtlichen Daten nicht stützen.
Beim Zehn-Jahres-Vergleich ist die Aussage ungenau. Für die Kinder- und Jugendhilfe belegen die Daten einen kräftigen Anstieg – 2024 gaben Bund, Länder und Gemeinden 78,8 Milliarden Euro aus, 9,5 Prozent mehr als 2023, netto 74,3 Milliarden Euro –, wobei der größte Teil dieser Bruttoausgaben (66,6 Prozent) mit 52,4 Milliarden Euro auf die Kindertagesbetreuung entfiel, also nicht auf die Einzelfallhilfen, um die es im Kürzungspapier geht. Eine Verdoppelung ist für einen längeren Zeitraum und einen Teilbereich dokumentiert: von rund 11 Milliarden Euro 2010 verdoppelten sich die Aufwendungen auf etwa 26 Milliarden Euro 2024, vor allem wegen gestiegener Inanspruchnahme von Erziehungs- und Eingliederungshilfen – das sind 14 Jahre, nicht zehn. Für die Eingliederungshilfe ist ein glatter Zehn-Jahres-Vergleich methodisch gar nicht möglich, weil die Leistungen zum 1. Januar 2020 durch das Bundesteilhabegesetz vom SGB XII ins SGB IX überführt wurden und die Ausgaben seither in einer eigenen Statistik erfasst werden; 2024 waren es 28,7 Milliarden Euro netto, 12,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Fazit: Richtung und Größenordnung des Ausgabenanstiegs sowie die Defizitzahl treffen zu, die exakte Verdoppelung binnen zehn Jahren ist mit den amtlichen Zahlen so nicht nachweisbar, und die unterstellte Kausalkette für das gesamte Defizit greift zu kurz.
Einschränkung: Für 2025 liegen bislang nur die kommunalen Kassenergebnisse vor. Die Fachstatistiken zur Kinder- und Jugendhilfe sowie zur Eingliederungshilfe für 2025 waren in den recherchierten Quellen noch nicht verfügbar; der Zehn-Jahres-Vergleich 2015 bis 2025 ist damit derzeit nicht abschließend prüfbar.
Quellen
- Kommunen verzeichnen im Jahr 2025 neues Rekorddefizit von 31,9 Milliarden Euro (PM Nr. 114 v. 01.04.2026) · Statistisches Bundesamt (Destatis)Primärquelle · abgerufen am 15.09.2026
- Öffentliche Hand gab 2024 rund 78,8 Milliarden Euro für Kinder- und Jugendhilfe aus · Statistisches Bundesamt (Destatis)Primärquelle · abgerufen am 15.09.2026
- Ausgaben und Einnahmen der Eingliederungshilfe nach dem SGB IX · Statistisches Bundesamt (Destatis)Primärquelle · abgerufen am 15.09.2026
- Ausgaben der Kinder- und Jugendhilfe 2010–2023/24 (PDF) · Sozialpolitik aktuell, Universität Duisburg-Essen · abgerufen am 15.09.2026
- Öffentliches Finanzierungsdefizit im Jahr 2025 bei 127,3 Milliarden Euro (PM Nr. 117 v. 07.04.2026) · Statistisches Bundesamt (Destatis)Primärquelle · abgerufen am 15.09.2026
- Ausgaben für Sozialhilfe im Jahr 2024 um 14,8 % gestiegen (PM Nr. 303 v. 18.08.2025) · Statistisches Bundesamt (Destatis)Primärquelle · abgerufen am 15.09.2026
- Kommunales Rekorddefizit in Deutschland (03.04.2026) · Kommunalfinanzen-BW (Auswertung der Destatis-Daten) · abgerufen am 15.09.2026
- Ausgaben für Kinder- und Jugendhilfe erreichen neuen Höchstwert · Deutsches Jugendinstitut (DJI) · abgerufen am 15.09.2026
5Debattenkultur
Wie miteinander geredet wurde
Zwei Skalen von 1 bis 10, gleiche Kriterien für alle Fraktionen: Themenfokus (10 = Redezeit konsequent beim Thema) und Konfrontation (10 = maximal konfrontativer Ton).
In Regierungsbefragung und Raumfahrtdebatte blieben die Fragen und Reden überwiegend beim Thema, etwa bei Hightech Agenda, Raumfahrtgesetz und Kommunalfinanzen. Konfrontativ wurde es punktuell, als Dr. Inge Gräßle den Linken-Antrag als "Ansammlung von Buzzwörtern aus der Mottenkiste" abtat.
Die SPD-Beiträge zu BND, Kinder- und Jugendhilfe, Binnenmarkt-Notfallinstrument und Raumfahrt waren sachbezogen und mit konkreten Beispielen wie der Nexperia-Chipkrise unterlegt. Scharf wurde es gegenüber der AfD, als Dr. Carolin Wagner deren Rede als "Werbeblock für Elon Musk" bezeichnete.
Die Fraktion arbeitete mit konkreten Zahlen zu Studierendenarmut, Mieten, Kommunaldefizit und Weltraumschrott und blieb dabei am jeweiligen Gegenstand. Deutlich konfrontativ waren Nachfragen zur fehlerhaften Besoldungstabelle und Dr. Alaa Alhamwis Einstieg mit "Wieder ein AfD-Quatschantrag".
Einzelne Beiträge waren fachlich, etwa Dr. Paul Schmidts Kostenaufstellung zur Kernkraft oder Fragen zum Raumfahrtgesetz. Häufig führten Redner aber vom Gegenstand weg, etwa mit Gendersprache, Nord Stream, Buchhandlungspreis oder einem Vergleich der Aktuellen Stunde mit einem Film von 1944.
Bei BAföG, Unterhaltsvorschuss und Rente argumentierte die Fraktion eng am Thema und mit belegten Zahlen. In der Raumfahrtdebatte und beim eigenen Umverteilungsantrag wurde die Rhetorik zugespitzt, etwa mit Sonja Lemkes Formulierung vom "Pimmelvergleich in die äußere Atmosphäre".
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