19. März 2026 · 65. Sitzung · 21. Wahlperiode
Spritpreise, Kernkraft und Frauentag-Debatte
Tanken wird zum Politikum
Nach dem Krieg im Iran und der Schließung der Straße von Hormus kosten Diesel und Benzin über 2 Euro. Union und SPD legen im Eilverfahren ein Spritpreispaket vor: nur noch eine Preiserhöhung pro Tag.
Kartellrecht wird verschärft
Künftig müssen Mineralölkonzerne selbst belegen, wie ihre Preise entstehen. Die Beweislast kehrt sich um. Opposition fordert mehr: Übergewinnsteuer, Steuersenkungen, 9-Euro-Ticket.
Kernkraft-Marathon im Plenum
Zwei Debatten an einem Tag: Die AfD will abgeschaltete Reaktoren reaktivieren. Union, SPD, Grüne und Linke lehnen ab – Rückbau läuft, Brennstoff fehlt, Endlager offen.
Frauentag mit harten Fronten
Ministerin Prien berichtet von der UN-Frauenrechtskommission, Bas rechnet 670 000 Euro Lohnlücke pro Frauenleben vor. Die AfD macht daraus eine Islam- und Genderdebatte.
Was jetzt folgt
Das Spritpreispaket soll noch vor Ostern in Kraft treten. Die Anhörung war für den Folgetag geplant, die Verabschiedung für die Woche danach. Weitere Entlastungen bleiben angekündigt.
2Zahlen der Sitzung
So lief der Tag
Sitzungsdauer
12 Std. 36 Min.
Reden
165
Zwischenrufe
935
aus dem Protokoll gezählt
Abstimmungen
6
Redezeit je Fraktion
Näherung über die Wortzahl der Redebeiträge (~110 Wörter pro Minute)
1 Punkt = 2 Minuten Redezeit
- Union4 Std. 17 Min.31,9 %
- SPD2 Std. 22 Min.17,6 %
- Grüne1 Std. 41 Min.12,5 %
- AfD3 Std. 30 Min.26,1 %
- Linke1 Std. 22 Min.10,2 %
- Sonstige14 Min.1,7 %
Wer ruft wem dazwischen?
Links, wer ruft – rechts, wer gerade am Rednerpult steht. Zwischenrufe aus dem Protokoll, soweit einer Fraktion zugeordnet.
Größter Strom: Grüne → AfD (149 Zwischenrufe). Am häufigsten unterbrochen: Reden von AfD (318) und Union (241).
- Union ruft bei Reden von Union: 19
- Union ruft bei Reden von SPD: 4
- Union ruft bei Reden von Grüne: 16
- Union ruft bei Reden von AfD: 28
- Union ruft bei Reden von Linke: 16
- Union ruft bei Reden von Sonstige: 1
- SPD ruft bei Reden von Union: 6
- SPD ruft bei Reden von SPD: 5
- SPD ruft bei Reden von Grüne: 1
- SPD ruft bei Reden von AfD: 75
- SPD ruft bei Reden von Sonstige: 1
- Grüne ruft bei Reden von Union: 58
- Grüne ruft bei Reden von SPD: 16
- Grüne ruft bei Reden von Grüne: 20
- Grüne ruft bei Reden von AfD: 149
- Grüne ruft bei Reden von Linke: 6
- Grüne ruft bei Reden von Sonstige: 2
- AfD ruft bei Reden von Union: 114
- AfD ruft bei Reden von SPD: 122
- AfD ruft bei Reden von Grüne: 82
- AfD ruft bei Reden von AfD: 34
- AfD ruft bei Reden von Linke: 68
- AfD ruft bei Reden von Sonstige: 2
- Linke ruft bei Reden von Union: 44
- Linke ruft bei Reden von SPD: 9
- Linke ruft bei Reden von Grüne: 3
- Linke ruft bei Reden von AfD: 32
- Linke ruft bei Reden von Linke: 2
Die Abstimmungen
Antrag der AfD: Wiedereinstieg in die Kernenergie und Reaktivierung von Kernkraftwerksstandorten
per Handzeichen
»Wenn der Markt nicht funktioniert, dann schreiben wir in der sozialen Marktwirtschaft das „S“ groß – es steht für das Soziale, und das ist der Staat.«
Müller begründete das im Eilverfahren eingebrachte Spritpreispaket und die Verschärfung des Kartellrechts gegenüber den Mineralölkonzernen, die auf Fragen der Koalitions-Taskforce keine Antworten liefern konnten.
Bundestag, 19. März 2026 – Preisschock an der Zapfsäule, Streit über Kernkraft, Ringen um Gleichstellung
Ein Sitzungstag mit zwei Taktgebern: Der Krieg im Iran treibt die Spritpreise über zwei Euro und zwingt die Koalition zu einem Eilgesetz. Und die Energiefrage kehrt gleich dreifach zurück – als Antrag, als Aktuelle Stunde, als Dauerkonflikt. Dazwischen debattiert das Haus über Gleichstellung, zivile Verteidigung und Demokratiegeschichte.
Gesetzentwurf: Spritpreispaket
Sepp Müller (CDU/CSU) dankte der Opposition für den und kündigte das "Österreich-Modell" an: Tankstellen dürfen den Preis nur noch einmal täglich erhöhen, senken jederzeit. Ministerin Katherina Reiche verwies auf überdurchschnittliche Preisanstiege in Deutschland und führt mit § 29a GWB eine Beweislastumkehr ein – Konzerne müssen künftig ihre Preisbildung erklären. Dr. Julia Verlinden (Grüne) und Ines Schwerdtner (Die Linke) forderten eine , die AfD Steuersenkungen. Sebastian Roloff (SPD) berichtete, der Finanzminister lasse eine Übergewinnsteuer prüfen.
Antrag und Aktuelle Stunde: Kernenergie
Dr. Paul Schmidt (AfD) wollte Emsland, Isar 2, Neckarwestheim II und Brokdorf reaktivieren. Lars Rohwer (CDU/CSU) hielt entgegen, in Isar 2 seien 850 Tonnen Material demontiert, Brennstoff und Personal fehlten. Umweltminister Carsten Schneider nannte die Technologie teuer, subventionsabhängig und gefährlich. Beide AfD-Initiativen fanden keine Mehrheit.
Vereinbarte Debatte: Internationaler Frauentag
Karin Prien berichtete von der UN-Frauenrechtskommission, Bärbel Bas rechnete vor: 670 000 Euro Lohnlücke im Westen über ein Erwerbsleben. Carmen Wegge (SPD) verlangte 111 Frauen mehr im Bundestag. Die AfD verschob das Thema auf Islam und Geschlechterdebatten; Präsidentin und Abgeordnete widersprachen.
Antrag: Zivile Verteidigung
Leon Eckert (Grüne) forderte einen Operationsplan "Zivile Verteidigung". Thomas Silberhorn (CDU/CSU) verwies auf 728 Millionen Euro für das THW und 606 Millionen für das BBK. Der Antrag geht in den Innenausschuss, eine Anhörung wurde zugesagt.
3Top-Themen
Worum es wirklich ging
Thema 1
Spritpreise, Kartellrecht und Entlastung
Worum es geht
Der Krieg im Iran und die Schließung der Straße von Hormus haben die Rohölpreise nach oben getrieben. Diesel und Benzin kosten in Deutschland über 2 Euro pro Liter – laut Koalition deutlich stärker gestiegen als im EU-Durchschnitt. Eine Taskforce der Koalitionsfraktionen befragte die Mineralölkonzerne, erhielt aber nach eigener Darstellung keine überzeugenden Erklärungen. Die Koalition brachte daraufhin im Eilverfahren ein Maßnahmenpaket ein: Preiserhöhungen an Tankstellen nur noch einmal täglich ("Österreich-Modell"), Beweislastumkehr im Kartellrecht über einen neuen § 29a GWB und beschleunigte Sektoruntersuchungen. Zusätzlich wurden Mineralölreserven freigegeben.
Was heißt das für dich?
Wenn du pendelst, merkst du die Preise direkt im Geldbeutel: Bei einem Fernpendler mit 400 Euro Mehrkosten fließen laut Union über die erhöhte Pendlerpauschale rund 150 Euro zurück. Die Regel "nur eine Erhöhung pro Tag" soll dafür sorgen, dass Preisvergleichs-Apps wieder verlässlich funktionieren – bislang ändern Tankstellen ihre Preise im Schnitt 18- bis 22-mal täglich, in der Spitze bis zu 50-mal. Ob die Preise dadurch tatsächlich sinken, ist offen; das Bundeskartellamt äußerte laut AfD und Union im Ausschuss selbst Zweifel. Klar ist: Die Koalition hat weitere Schritte wie eine Übergewinnsteuer und Entlastungen für Pendler nur angekündigt, nicht beschlossen. Steigende Kosten für Gas, Strom und Lebensmittel wurden von mehreren Rednern als nächste Welle benannt.
Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
Die Union sieht ein Oligopol der Mineralölkonzerne und will den Wettbewerb mit scharfem Kartellrecht durchsetzen statt mit Steuersenkungen. Sie verweist auf die bereits erhöhte Pendlerpauschale und kündigt weitere Maßnahmen für den Fall einer Verschärfung der Krise an.
Die SPD betont, der Markt regele hier nichts, sondern werde durch Profitgier ausgenutzt. Sie fordert weitere Schritte: keine aufschiebende Wirkung von Rechtsbehelfen, erweiterte Meldepflichten an die Markttransparenzstelle und eine Prüfung der Übergewinnsteuer.
»Eine faire Marge ist in Ordnung, ja. Aber aus Krieg Profit zu schlagen, das ist unanständig.«– Armand Zorn
Die Grünen begrüßen die Kartellrechtsverschärfung, halten sie aber für unzureichend. Sie fordern eine Übergewinnsteuer, ein Klimageld, eine Senkung der Stromsteuer und den beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien als strukturelle Antwort auf fossile Abhängigkeit.
»Fossile Energien machen unfrei, fossile Energien machen abhängig, und dann wird man abgezockt.«– Dr. Julia Verlinden
Die AfD hält das Paket für wirkungslos und fordert sofortige Steuersenkungen: Mehrwertsteuer auf Energie auf 7 Prozent, Energiesteuer auf EU-Mindestniveau, Abschaffung der CO2-Abgabe. Sie verweist auf Italien, das per Dekret 25 Cent pro Liter senkte.
»60 Prozent des Benzinpreises steckt sich der Finanzminister in die Tasche.«– Leif-Erik Holm
Die Linke fordert eine rückwirkende Übergewinnsteuer, ein direkt ausgezahltes Energiekrisengeld und die Rückkehr des 9-Euro-Tickets. Sie hält das Regierungspaket für völlig unzureichend und verweist auf 21 Millionen Euro zusätzlichen Gewinn der Ölkonzerne pro Tag.
»Die Wut gehört nicht nach unten. Die Wut gehört nach oben.«– Ines Schwerdtner
Thema 2
Kernenergie: Wiedereinstieg oder endgültiges Aus
Worum es geht
EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen hatte den deutschen Kernkraftausstieg als strategischen Fehler bezeichnet, Bundeskanzler Merz nennt ihn irreversibel. Die AfD nutzte dies für einen Antrag und eine Aktuelle Stunde. Sie will Emsland, Isar 2, Neckarwestheim II und Brokdorf reaktivieren und an weiteren Standorten neu bauen. Union und SPD lehnten ab: In Isar 2 sind laut Union bereits 850 Tonnen Material demontiert, in Emsland wurden Kerneinbauten und Dampferzeuger abgebaut, in Neckarwestheim II ist der Primärkreislauf nicht mehr intakt. Auch Brennstoffversorgung, Genehmigungen, Personal und die Endlagerfrage bleiben ungelöst.
Was heißt das für dich?
Für deine Stromrechnung heißt das kurzfristig: nichts. Selbst wenn ein Neubau beschlossen würde, dauert es laut Debatte 10 bis 20 Jahre, bis Strom fließt – bei Kosten, die sich in Frankreich (Flamanville 3: von 3,3 auf 23,7 Milliarden Euro) und Finnland (Olkiluoto: von 3 auf 11 Milliarden Euro) vervielfacht haben. Die Linke nannte Stromgestehungskosten von bis zu 49 Cent pro Kilowattstunde bei Atomstrom gegenüber rund 4,6 Cent bei Solar und 6,3 Cent bei Wind. Die AfD hält dagegen 2,5 bis 3 Cent für realistisch. Was dich konkret betrifft: Die Koalition investiert 2 bis 2,4 Milliarden Euro in Fusionsforschung und hält sich für Small Modular Reactors offen – das sind Wetten auf die 2030er und 2040er Jahre, nicht auf deinen nächsten Abschlag.
Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
Die Union nennt die Abschaltung 2023 einen Fehler, hält eine Rückkehr aber für technisch ausgeschlossen. Sie setzt auf Technologieoffenheit bei Fusion und kleinen modularen Reaktoren sowie auf neue Gaskraftwerke und einen Kapazitätsmarkt für gesicherte Leistung.
»Energiepolitik heißt nicht: Zurück in die Vergangenheit. Energiepolitik heißt: tragfähige Lösungen für die Zukunft.«– Hans Koller
Die SPD lehnt jede Rückkehr zur Kernkraft ab. Sie verweist auf Subventionsbedarf, Versicherungsgarantien des Staates, die offene Endlagerfrage und die Abhängigkeit von russischem Uran. Erneuerbare seien nach dem Merit-Order-Prinzip günstiger.
»Wenn eine Risikotechnologie nach einem Dreivierteljahrhundert noch immer am staatlichen Tropf hängt und es längst bessere Alternativen gibt, dann sollte man daraus auch die richtigen Konsequenzen ziehen.«– Carsten Schneider
Die Grünen halten den Ausstieg für richtig und irreversibel. Sie kritisieren die Abhängigkeit von der globalen Uranlieferkette und verweisen auf Materialermüdung in französischen Reaktoren durch häufiges Abregeln. Ihre Alternative ist der konsequente Ausbau erneuerbarer Energien.
»Der größte strategische Fehler in der Geschichte der Atomkraft war der Einstieg.«– Harald Ebner
Die AfD fordert die sofortige Reaktivierung der letzten abgeschalteten Kernkraftwerke und Neubauten an früheren Standorten. Sie hält den Ausstieg für reversibel und verweist auf Mehrheiten, die mit der Union zusammenkommen könnten.
»Der Wiedereinstieg in die Kernkraft ist für Deutschlands Zukunft wichtiger und bedeutender als das Weiterbestehen dieser Regierungskoalition.«– Dr. Rainer Kraft
Die Linke lehnt Kernkraft als teuerste Form der Stromerzeugung ab und widerspricht den Kostenangaben der AfD in acht Einzelpunkten. Sie verweist auf weltweit 420 000 Tonnen hochradioaktiven Müll und nur ein funktionierendes Endlager in Finnland.
»Atomkraft ist nicht grün. Atomkraft ist auch nicht günstig. Atomkraft ist nicht sicher.«– Mareike Hermeier
Thema 3
Gleichstellung: Lohnlücke, Sorgearbeit und Parität
Worum es geht
Anlass der Vereinbarten Debatte war der Internationale Frauentag. Bildungsministerin Prien berichtete von der UN-Frauenrechtskommission in New York, wo die USA versucht hätten, eine Resolution zum Justizzugang von Frauen zu verhindern. Arbeitsministerin Bas legte Zahlen vor: Frauen in Westdeutschland verdienen laut einer Studie von 2020 über ihr Leben durchschnittlich 670 000 Euro weniger als Männer, in Ostdeutschland 450 000 Euro. Frauen erhalten im Schnitt über ein Drittel weniger gesetzliche Rente, fast jede fünfte Frau über 65 gilt als armutsgefährdet. Der Frauenanteil im Bundestag liegt bei 32 Prozent. Die EU-Entgelttransparenzrichtlinie muss bis Juni 2026 umgesetzt sein – ein Referentenentwurf fehlt laut Grünen noch.
Was heißt das für dich?
Wenn du eine Frau bist und Vollzeit arbeitest, geht es laut Bas über ein Erwerbsleben um den Gegenwert eines Einfamilienhauses. Konkret debattiert wurden: die Eins-zu-eins-Umsetzung der EU-Entgelttransparenzrichtlinie, ein gesetzlicher Mutterschutz für Selbstständige – bisher nicht vorhanden – und die Zusammenführung von Pflegezeit- und Familienpflegezeitgesetz. Wenn du Kinder hast: Fast die Hälfte der Mütter in Teilzeit würde laut Bas gerne mehr arbeiten, scheitert aber an fehlenden Betreuungsplätzen. Die Linke rechnete vor, dass Frauen jährlich 72 Milliarden Stunden unbezahlte Sorgearbeit leisten – mehr als das Gesamtvolumen bezahlter Erwerbsarbeit von 60 Milliarden Stunden. Beim Ehegattensplitting und beim Sexualstrafrecht ("Nur Ja heißt Ja") gibt es keine Einigkeit.
Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
Die Union betont Wahlfreiheit und Eigenverantwortung: Jede Frau soll arbeiten oder Karriere machen können, aber auch klassische Aufgabenteilung soll respektiert werden. Sie setzt auf Kita- und Ganztagsausbau, MINT-Förderung für Mädchen, Gewaltschutz und Frauengesundheitsforschung.
»Diese Entscheidung verdient Respekt und nicht Bewertung.«– Dr. Anja Weisgerber
Die SPD fordert Tarifbindung, Entgelttransparenz und mehr Frauen in Führung als Hebel gegen die Lohnlücke. Sie kritisiert das Ehegattensplitting und verlangt, ein neues Wahlrecht nur mit Parität zu verabschieden.
»Auf ein ganzes Erwerbsleben gerechnet, verlieren Frauen ein Einfamilienhaus.«– Bärbel Bas
Die Grünen fordern die sofortige Umsetzung der EU-Entgelttransparenzrichtlinie, eine Reform des Sorge- und Umgangsrechts, ein "Nur Ja heißt Ja"-Sexualstrafrecht und Parität im Bundestag. Sie kritisieren gestrichene Fördersummen für Frauenprojekte.
»Sexismus ist keine Petitesse.«– Britta Haßelmann
Die AfD lehnt Quoten und "Gender-Ideologie" ab und verlagert die Debatte auf Islam, Migration und Transrechte. Sie fordert Anerkennung für Mütter, die sich für Familie statt Karriere entscheiden, sowie eine biologische Definition von "Frau".
Die Linke verbindet Gleichstellung mit Umverteilung: Abschaffung des Ehegattensplittings, armutsfester Mindestlohn, höhere Tarifbindung, Investitionen in Betreuung sowie eine Vermögen- und Milliardärsteuer. Sie fordert zudem eine Medizin, die den weiblichen Körper berücksichtigt.
»Frauen leisten in Deutschland jedes Jahr zusätzlich zu ihrer Erwerbsarbeit 72 Milliarden Stunden unbezahlte Sorgearbeit«– Kathrin Gebel
4Faktencheck
Behauptungen im Check
Überprüfbare Tatsachenbehauptungen aus der Debatte, recherchiert mit aktuellen Quellen und redaktionell geprüft. Bewertet werden Aussagen, nicht Personen – zur Methodik.
»Wir belegen hier, meine Damen und Herren, im internationalen Vergleich inzwischen den traurigen Rang 60.«
Prien beklagt die Unterrepräsentation von Frauen in deutschen Parlamenten und ordnet Deutschland international ein.
So haben wir geprüft
Die Größenordnung der Aussage lässt sich mit amtlichen Daten stützen, die exakte Zahl 60 nicht punktgenau. Bezugsgröße ist das monatlich fortgeschriebene Ranking der Interparlamentarischen Union (IPU), einer Organisation nationaler Parlamente, die den Frauenanteil in der jeweils direkt gewählten Kammer – in Deutschland dem Bundestag – für rund 180 bis 190 Staaten vergleicht. Das Statistische Bundesamt weist für den 21. Bundestag einen Frauenanteil von 32,4 Prozent aus (204 von 630 Abgeordneten) und verortet Deutschland damit zum Stichtag 1. März 2025 auf Rang 58; zuvor lag Deutschland mit 35,7 Prozent noch auf Platz 44. Ein Wert um Rang 58 bis 60 ist also plausibel, weil sich die Platzierung durch Wahlen in anderen Staaten und durch Nachrückende laufend verschiebt – eine amtliche Bestätigung genau für Rang 60 zum Zeitpunkt der Rede konnte ich in den verfügbaren Quellen jedoch nicht finden.
Zwei Einordnungen sind wichtig: Erstens beschreibt Rang 60 von rund 187 erfassten Staaten statistisch das obere Drittel – das Statistische Bundesamt selbst titelt „oberes Mittelfeld", während der weltweite Durchschnitt bei etwa 27,5 Prozent liegt. Zweitens ist der innereuropäische Vergleich für Deutschland deutlich unvorteilhafter: In allen skandinavischen Staaten liegt der Frauenanteil bei über 43 Prozent. Der Kern der Aussage – Deutschland liegt international im Bereich um Platz 60 und damit hinter vielen vergleichbaren Demokratien – ist damit zutreffend; die Bewertung als „traurig" ist eine politische Wertung und nicht überprüfbar.
Transparenzhinweis: Der tagesaktuelle IPU-Stand für März 2026 war über die verfügbare Recherche nicht direkt abrufbar; die Bewertung stützt sich daher auf die letzte amtlich dokumentierte Platzierung (Rang 58, Stichtag 1. März 2025, unveränderter Frauenanteil von 32,4 Prozent). Sobald der IPU-Stand vom 1. März 2026 vorliegt, lässt sich die Zahl 60 exakt verifizieren.
Quellen
- Frauen im Parlament: Deutschland im weltweiten Vergleich im oberen Mittelfeld (Frauenanteil in den nationalen Parlamenten weltweit) · Statistisches Bundesamt (Destatis)Primärquelle · abgerufen am 25.09.2026
- Pressemitteilung „33,4 % der Abgeordneten in Länderparlamenten sind Frauen" (Bundestag: 32,4 %), 2026 · Statistisches Bundesamt (Destatis)Primärquelle · abgerufen am 25.09.2026
- Global and regional averages of women in national parliaments, IPU Parline · Inter-Parliamentary UnionPrimärquelle · abgerufen am 25.09.2026
- Pressemitteilung „Frauen in Parlamenten in Deutschland nach wie vor unterrepräsentiert", 5. März 2025 · Statistisches Bundesamt (Destatis)Primärquelle · abgerufen am 25.09.2026
- Stenografischer Bericht, 65. Sitzung des Deutschen Bundestages, 19. März 2026, Plenarprotokoll 21/65 · Deutscher BundestagPrimärquelle · abgerufen am 25.09.2026
- Aussprache zum Internationalen Frauentag im Bundestag, Textarchiv · Deutscher Bundestag · abgerufen am 25.09.2026
- Rückschritt für die Gleichstellung: Warum der Frauenanteil im Bundestag sinkt · Bundesstiftung Gleichstellung · abgerufen am 25.09.2026
- Frauen im Parlament: Bas für Gesetz, Prien für Programme, 19. März 2026 · epd/evangelisch.de · abgerufen am 25.09.2026
5Debattenkultur
Wie miteinander geredet wurde
Zwei Skalen von 1 bis 10, gleiche Kriterien für alle Fraktionen: Themenfokus (10 = Redezeit konsequent beim Thema) und Konfrontation (10 = maximal konfrontativer Ton).
Die Union blieb bei Spritpreispaket, Kernkraft und Zivilschutz überwiegend sachlich und faktenbasiert, etwa bei Rohwers detaillierter Darstellung des Rückbaustands. Wahlkampfbezüge zur Landtagswahl in Rheinland-Pfalz (Oster) und Zuspitzungen gegen Linke und AfD (Silberhorn: "selbst ein Sicherheitsrisiko") trieben die Abgrenzung stellenweise deutlich nach oben.
Die SPD argumentierte in den Sachdebatten konkret, etwa Bas mit Lohnlückenzahlen und Baldy mit differenzierter Kritik am Grünen-Antrag. Gegenüber der AfD wurde der Ton scharf, etwa als Fiedler die Suspendierung eines AfD-Redners aus dem Polizeidienst thematisierte.
Die Grünen legten mit dem Zivilschutz-Antrag konkrete Vorschläge vor und argumentierten bei Energie und Gleichstellung detailliert. Angriffe auf Minister Dobrindt ("Hyperfixierung auf das Thema Migration") und Formulierungen wie "Halbstarkreaktoren" waren deutlich polemisch.
In der Frauentag-Debatte verlagerte die Fraktion das Thema durchgehend auf Islam, Migration und Transrechte; bei der zivilen Verteidigung endete eine Rede mit dem Aufruf "Am Sonntag AfD wählen!". Höchst erhielt einen Hinweis der Präsidentin für die Bezeichnung "Heuchler", Reichardt einen Ordnungsruf.
Hermeier zerlegte den AfD-Antrag zur Kernkraft in acht faktenbasierten Punkten, Stange trug konkrete Fälle aus der Frauengesundheit vor. Köstering musste sich für die Bezeichnung des Innenministers als "Gefahr für die öffentliche Sicherheit" einen Hinweis der Präsidentin anhören; Schwerdtner attackierte pauschal "Sie in Ihren feinen Anzügen".
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