22. Mai 2026 · 81. Sitzung · 21. Wahlperiode
Antragsloses Kindergeld und Streit um den Achtstundentag
Kindergeld kommt bald von allein
Finanzminister Klingbeil bringt das antragslose Kindergeld ein. Ab 1. Januar 2027 zahlen die Familienkassen ohne Antrag aus, rund 300 000 Erstanträge pro Jahr sollen entfallen.
AfD redet über Auslandskindergeld
Statt über das Gesetz sprach die AfD fast durchgehend über 528 Millionen Euro Kindergeld ins Ausland. SPD-Rednerin Esdar hielt dagegen: Betroffen sind rund 1 Prozent der Zahlungen.
Achtstundentag unter Druck
Linke und Grüne wollen die tägliche Höchstarbeitszeit sichern. Union und Koalitionsvertrag setzen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit. SPD-Redner betonten: Der Achtstundentag steht nicht zur Disposition.
Apotheken bekommen mehr Geld
Der Bundestag beschließt die Apothekenreform: Fixum 9 Euro ab Juli 2026, 9,50 Euro ab Januar 2027, Impfen und Blutabnahme in der Apotheke, Ende der Nullretaxierung.
Und danach? Zwei offene Baustellen
Das Kindergeldgesetz geht in die Ausschüsse, unter anderem beim Streit um die Auszahlung an Mutter oder Vater. Beim Arbeitszeitgesetz liegt noch kein Entwurf vor, der Konflikt bleibt.
2Zahlen der Sitzung
So lief der Tag
Sitzungsdauer
6 Std. 11 Min.
Reden
85
Zwischenrufe
507
aus dem Protokoll gezählt
Abstimmungen
0
Redezeit je Fraktion
Näherung über die Wortzahl der Redebeiträge (~110 Wörter pro Minute)
Wer ruft dazwischen?
Zwischenrufe nach verursachender Fraktion, soweit im Protokoll zugeordnet
»Ein Rechtsanspruch darf nicht davon abhängen, wie gut jemand Formulare ausfüllen kann.«
In der Debatte über das antragslose Kindergeld sprach Reichel darüber, dass viele Menschen ihnen zustehende Leistungen wie Wohngeld nicht abrufen, weil die Anträge zu kompliziert sind.
Bundestag, 22. Mai 2026 – Weniger Formulare, mehr Streit um Arbeitszeit
Vor dem Pfingstwochenende verhandelte der Bundestag an einem Tag drei Fragen, die den Alltag direkt berühren: Wie einfach kommt Geld vom Staat bei Familien an? Wie lang darf ein Arbeitstag sein? Und wer bezahlt die Apotheke um die Ecke?
Gesetzentwurf: Antragsloses Kindergeld
Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) brachte das antragslose Kindergeld ein: Ab dem 1. Januar 2027 sollen Familienkassen ohne Antrag auszahlen, rund 300 000 Erstanträge pro Jahr entfallen. Anja Weisgerber (CDU/CSU) verlangte eine Änderung: Ohne Antrag solle das Geld grundsätzlich an die Kindesmutter gehen. Die AfD nutzte ihre Redezeit fast vollständig für ihren eigenen Gesetzentwurf zur Indexierung des ins Ausland gezahlten Kindergelds; Wiebke Esdar (SPD) hielt entgegen, betroffen sei rund 1 Prozent der Summe. Grüne und Linke begrüßten das Vorhaben, forderten aber deutlich höhere Leistungen gegen Kinderarmut.
Anträge: Achtstundentag und Arbeitszeitgesetz
Ines Schwerdtner (Die Linke) und Ricarda Lang (Bündnis 90/Die Grünen) wollen die tägliche Höchstarbeitszeit sichern. Wilfried Oellers (CDU/CSU) verteidigte die im Koalitionsvertrag vereinbarte wöchentliche Höchstarbeitszeit als Flexibilität ohne Abbau des Arbeitsschutzes. Jan Dieren (SPD) betonte, die Abschaffung des Achtstundentags stehe nicht im Koalitionsvertrag. Union und AfD lehnten beide Anträge ab.
Gesetzentwurf: Apothekenreform
Beschlossen wurde das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz: höheres Fixum (9 Euro ab Juli 2026, 9,50 Euro ab Januar 2027), Impfungen und Blutabnahmen in Apotheken, Ende der Nullretaxierung. Paula Piechotta (Grüne) rechnete 4 Milliarden Euro Mehrkosten für die Krankenkassen vor, Ates Gürpinar (Linke) vermisste eine Begrenzung des Versandhandels.
Weitere Debatten: Hunger, Rüstungskontrolle, Lubmin
Beraten wurden ein Grünen-Antrag zur Ernährungssouveränität, der Jahresbericht zu Rüstungskontrolle sowie ein AfD-Antrag gegen die Übergabe der Lubmin an die Ukraine, den alle anderen Fraktionen zurückwiesen.
Aktuelle Stunde: Immobilienkonzerne
Caren Lay und Heidi Reichinnek (Die Linke) griffen Vonovia an; Union, SPD und AfD warnten vor einer pauschalen Verurteilung von Vermietern.
3Top-Themen
Worum es wirklich ging
Thema 1
Antragsloses Kindergeld
Worum es geht
Bisher müssen Eltern nach der Geburt eines Kindes einen Antrag bei der Familienkasse stellen, damit das Kindergeld fließt. Die Bundesregierung will das ändern: Standesämter und Bundeszentralamt für Steuern übermitteln Name und Steuer-ID direkt an die Familienkasse, die den Anspruch prüft und ohne Antrag auszahlt. Start ist der 1. Januar 2027, zunächst für Geschwisterkinder, bei denen Kontodaten schon vorliegen, später für Erstgeborene. Rund 300 000 Erstanträge pro Jahr sollen entfallen. Das Vorhaben setzt das sogenannte Once-Only-Prinzip um: Daten, die dem Staat vorliegen, sollen nicht erneut abgefragt werden.
Was heißt das für dich?
Wenn du in den nächsten Jahren ein Kind bekommst, sparst du dir Formular, Nachweise und Wartezeit: Das Kindergeld von derzeit 259 Euro im Monat landet automatisch auf dem Konto. Vor allem in den ersten Wochen nach der Geburt fällt damit ein Behördengang weg. Am Betrag ändert sich nichts, gegen Kinderarmut hilft das Gesetz also nicht. Strittig ist noch, wer das Geld bekommt, wenn ihr euch nicht äußert: Die Union will die Mutter als Standardfall festschreiben, der Entwurf überlässt das der Behörde.
Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
Die Union unterstützt das Gesetz als überfälligen Bürokratieabbau und lobt die schrittweise Einführung. Sie will aber im parlamentarischen Verfahren nachbessern: Ohne Antrag soll das Kindergeld standardmäßig an die Mutter gehen statt nach Ermessen der Familienkasse.
»Das Kindergeld sollte im antragslosen Verfahren nach unserer Meinung grundsätzlich an die Kindesmutter ausgezahlt werden, sofern die Eltern nichts anderes bestimmen.«– Anja Weisgerber
Die SPD verkauft das Gesetz als spürbare Entlastung für Familien und als Beispiel für einen moderneren, digitalen Sozialstaat. Sie verweist auf 300 000 wegfallende Erstanträge und den Datenaustausch zwischen Behörden. Vorwürfe der AfD zum Auslandskindergeld wies sie mit Zahlen zurück.
»Die Eltern erhalten das Kindergeld künftig automatisch, sie erhalten es unbürokratisch, und sie erhalten es schnell.«– Lars Klingbeil
Die Grünen begrüßen den Schritt, halten ihn aber für zu klein. Sie fordern, dieselbe Technik auch für Wohngeld, BAföG, Kinderzuschlag und den Rückgriff beim Unterhaltsvorschuss zu nutzen, und kritisieren geplante Kürzungen bei Sozialleistungen.
»Wir müssen nämlich digitalisieren, und zwar nicht nur, um den Staat einfacher zu machen, sondern wir müssen auch digitalisieren, um diesen Staat gerechter zu machen.«– Moritz Heuberger
Die AfD stellte einen eigenen Gesetzentwurf zur Indexierung des ins Ausland gezahlten Kindergelds vor und warnte vor Missbrauch durch Scheinanmeldungen und Scheinarbeitsverträge. Sie bezweifelt außerdem, dass das Gesetz Kosten spart.
»Diese inländerfeindliche Politik muss ein Ende haben, weshalb hier auch unser Gesetzentwurf vorliegt, um das Kindergeld an die Lebenshaltungskosten vor Ort anzupassen.«– René Springer
Die Linke stimmt der Vereinfachung zu, kritisiert aber die Höhe der Leistung. Sie verweist auf den Kinderfreibetrag von 9 756 Euro für Spitzenverdiener und fordert eine echte Kindergrundsicherung statt schnellerer Auszahlung.
»Eine zu passive Sozialpolitik, liebe Kolleginnen und Kollegen, lässt sich nicht schöndigitalisieren.«– Doris Achelwilm
Thema 2
Achtstundentag und Arbeitszeitgesetz
Worum es geht
Im Arbeitszeitgesetz gilt bisher eine tägliche Höchstarbeitszeit von acht, ausnahmsweise zehn Stunden. Die Koalition hat im Koalitionsvertrag vereinbart, stattdessen eine wöchentliche Höchstarbeitszeit einzuführen, wie sie die EU-Arbeitszeitrichtlinie mit maximal 48 Stunden kennt. Die Linke fordert in ihrem Antrag, den Achtstundentag europäisch abzusichern, die Grünen wollen ihn erhalten und zusätzlich mehr Mitbestimmung bei Arbeitszeit und Arbeitsort. Ein Gesetzentwurf der Regierung lag in der Debatte noch nicht vor.
Was heißt das für dich?
Wenn die tägliche Grenze fällt, kann dein Chef dich im Rahmen der Wochenarbeitszeit auch mal zwölf oder dreizehn Stunden am Stück einteilen. Für Schicht, Gastro, Pflege, Logistik oder Baustelle wäre das ein echter Einschnitt, weil du dich heute auf die Acht-Stunden-Grenze berufen kannst. Umgekehrt könntest du Stunden freier über die Woche verteilen, etwa für einen langen freien Tag oder einen späten Videocall nach der Kita-Abholung. Die elf Stunden Ruhezeit zwischen zwei Schichten bleiben nach EU-Recht bestehen.
Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
Die Union verteidigt den Umstieg auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit als Flexibilität für beide Seiten und verweist auf Umfragen und auf Praxis in anderen EU-Staaten. Sie will zusätzlich Ausnahmen für Sonntagsarbeit im Bäckereihandwerk und rechtssichere Vertrauensarbeitszeit.
»Es geht nicht darum, mehr Arbeit zu ermöglichen, sondern es geht darum, die jetzige wöchentliche Höchstarbeitszeit flexibel über die Woche verteilen zu können.«– Wilfried Oellers
Die SPD stellte klar, dass die Abschaffung des Achtstundentags nicht im Koalitionsvertrag steht, und verteidigte das Arbeitszeitgesetz als Schutzgesetz. Sie verweist auf Umfragen, nach denen 72 Prozent der Beschäftigten Tage mit höchstens acht Stunden wollen.
»Der Achtstundentag ist keine verstaubte Idee aus dem letzten Jahrhundert; er ist eine Schutzmauer«– Angelika Glöckner
Die Grünen wollen den Achtstundentag erhalten und stattdessen mehr Zeitsouveränität schaffen: flexible Vollzeit zwischen 30 und 40 Stunden, Recht auf Homeoffice, verlässliche Kitaplätze. Sie verweisen auf 1,2 Milliarden Überstunden pro Jahr und gesundheitliche Folgen langer Arbeitszeiten.
»Wir wollen mehr Vereinbarkeit statt mehr Verfügbarkeit.«– Ricarda Lang
Die AfD lehnt sowohl die Pläne der Regierung als auch beide Oppositionsanträge ab. Sie will das bestehende Arbeitszeitgesetz national erhalten und wendet sich gegen eine Verankerung auf EU-Ebene, hält punktuelle Ausnahmen aber für sinnvoll.
»Wir verteidigen das Arbeitszeitgesetz und den Schutz der Arbeitnehmer.«– Peter Bohnhof
Die Linke sieht in der Abschaffung der täglichen Höchstarbeitszeit einen Angriff auf ein über 100 Jahre altes Schutzrecht und kündigte bundesweite Proteste ab dem 1. Juni an. Sie will den Achtstundentag im EU-Recht verankern.
»Das ist nicht Flexibilität, das ist ein Schlag ins Gesicht der Beschäftigten.«– Ines Schwerdtner
Thema 3
Apothekenreform
Worum es geht
Der Bundestag hat das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz beschlossen. Es hebt das Packungsfixum zum 1. Juli 2026 auf 9 Euro und zum 1. Januar 2027 auf 9,50 Euro an, erlaubt wieder Skonti, schafft die Nullretaxierung aus Formgründen ab und stärkt die Notdienstvergütung. Apotheken dürfen künftig mit allen Totimpfstoffen impfen und zu diagnostischen Zwecken venös Blut abnehmen, pharmazeutisch-technische Assistenten erhalten mehr Befugnisse und können die Apotheke maximal 20 Tage im Jahr vertretungsweise offenhalten. Begleitend regeln zwei Verordnungen die Details.
Was heißt das für dich?
Du kannst dich künftig in der Apotheke gegen mehr Krankheiten impfen lassen und dort Blut für Vorsorgechecks abnehmen lassen, ohne Termin beim Hausarzt. Fehlt dein Rabattarzneimittel, darf die Apotheke schneller ein anderes passendes Präparat herausgeben, das spart einen zweiten Weg. Gerade auf dem Land soll das mehr Apotheken am Leben halten, samt Nacht- und Notdienst. Bezahlt wird das über die Krankenkassen: Die Grünen rechnen mit rund 4 Milliarden Euro Mehrkosten, die am Ende über Beiträge und Zuzahlungen bei dir landen können.
Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
Die Union feiert das Gesetz als Erfolg für die Vor-Ort-Apotheke: mehr Fixum, weniger Retaxationen, neue Kompetenzen bei Impfen, Prävention und Diagnostik. Sie betont, dass es keine Apotheke ohne Apotheker geben werde und der Versandhandel stärker kontrolliert werden soll.
»Wir haben als CSU immer versprochen: Es wird keine Apotheke ohne Apotheker geben, und dabei bleibt es auch.«– Stephan Pilsinger
Die SPD sieht Apotheken als Säule der Daseinsvorsorge und hebt Notdienstvergütung, Skonti, Fixum sowie den Abbau von Bürokratie hervor. Neue Aufgaben müssten angemessen vergütet werden, dafür brauche es eine belastbare Datengrundlage.
»Wer Versorgungssicherheit will, darf Apotheken nicht nur loben, er muss sie auch politisch stärken.«– Christos Pantazis
Die Grünen lehnen das Gesetz ab, weil es die gesetzliche Krankenversicherung nach ihrer Rechnung um rund 4 Milliarden Euro teurer macht, ohne Gegenfinanzierung. Sie kritisieren, dass auch große Versandapotheken von der Fixumserhöhung profitieren.
»Sie schmeißen den Versandapotheken noch Geld hinterher, ohne dass sie eine einzige zusätzliche Leistung erbringen.«– Paula Piechotta
Die AfD fordert eine Anhebung sämtlicher Apothekenvergütungen um 25 Prozent und eine jährliche Inflationsanpassung. Sie lehnt die Verlagerung ärztlicher Aufgaben in die Apotheke und erweiterte Befugnisse für PTA ab.
»Wir von der AfD stehen offensichtlich als einzige Fraktion hier an der Seite der Apotheker.«– Martin Sichert
Die Linke wollte mehr: eine deutlichere Vergütungserhöhung, eine Einhegung des Versandhandels und wohnortnahe Versorgung. Sie kritisiert, dass Zwangsrabatte in der Finanzierungsreform das zusätzliche Geld wieder abziehen, und stellte einen eigenen Antrag zur Abstimmung.
»Mit dem Gesetz lösen Sie keine Probleme, Sie verschieben sie.«– Ates Gürpinar
4Faktencheck
Behauptungen im Check
Überprüfbare Tatsachenbehauptungen aus der Debatte, recherchiert mit aktuellen Quellen und redaktionell geprüft. Bewertet werden Aussagen, nicht Personen – zur Methodik.
»Waren es in 2010 noch 36 Millionen Euro, überwiesen die deutschen Steuerzahler in 2025 unglaubliche 528 Millionen Euro an Kindergeld ins Ausland. Das ist eine Steigerung um 1 366 Prozent, meine Damen und Herren.«
In der ersten Lesung zum antragslosen Kindergeld begründet die AfD ihre Forderung nach einer Indexierung des ins Ausland gezahlten Kindergeldes.
So haben wir geprüft
Die genannten Zahlen sind im Kern korrekt. Für 2010 bestätigt eine Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage die Größenordnung: Im Jahr 2017 überwies die Bundesagentur für Arbeit rund 343 Millionen Euro Kindergeld auf Konten im Ausland, im Jahr 2010 waren es rund 35,9 Millionen Euro. Für 2025 nennen Berichte auf Basis der Familienkassen-Daten rund 528 Millionen Euro auf ausländische Konten, nach 514 Millionen Euro im Jahr zuvor und 35,8 Millionen Euro im Jahr 2010 – die im Zitat behauptete Steigerung von 1 366 Prozent ergibt sich rechnerisch aus dem gerundeten Ausgangswert 36 Millionen und ist damit nachvollziehbar.
Drei relevante Punkte fehlen jedoch. Erstens die Größenordnung: Von 55,32 Milliarden Euro Gesamtausgaben für Kindergeld und Kinderzuschlag im Jahr 2025 gingen 528 Millionen Euro auf Konten im Ausland – weniger als ein Prozent der Gesamtsumme, und der Anteil der Kinder, für die ins Ausland Kindergeld gezahlt wird, sinkt seit 2021 (2024: 1,5 Prozent, 2025: 1,4 Prozent). Zweitens die Ursache des jüngsten Anstiegs: Dieser Anstieg ist eine Folge der Erhöhung der Kindergeld-Sätze in den vergangenen Jahren, wie eine Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit auf Anfrage bestätigte – ein Teil des Zuwachses seit 2010 ist also keine Mengenausweitung, sondern die auch im Inland gestiegene Leistungshöhe. Drittens ist die Kategorie ungenau: Empfänger sind laut Bundesagentur für Arbeit in der Regel in Deutschland sozialversicherungspflichtig Beschäftigte aus der EU, deren Kinder im Heimatland leben, und die Behörde weist ausdrücklich darauf hin, dass Zahlungen auf ausländische Konten nicht zwingend im Ausland lebende Kinder betreffen; die Formulierung "ins Ausland" erfasst also auch Auslandskonten von in Deutschland steuerpflichtigen Berechtigten. Hinzu kommt eine Vergleichbarkeitseinschränkung: Die Bundesregierung verweist auf die zum 1. Januar 2017 begonnene Familienkassenreform sowie die damit einhergehende Umgestaltung der Kindergeldstatistik, weshalb Werte von 2010 und 2025 nicht bruchlos aufeinander abbildbar sind.
Quellen
- Kindergeldzahlungen ins Ausland (hib-Meldung zur Antwort der Bundesregierung, Drucksache 19/1275, auf Kleine Anfrage 19/1003) · Deutscher BundestagPrimärquelle · abgerufen am 02.09.2026
- Antwort der Bundesregierung, Bundestags-Drucksache 19/11307 · Deutscher BundestagPrimärquelle · abgerufen am 02.09.2026
- Kindergeld für Kinder im EU-Ausland (wertet die Statistik der Bundesagentur für Arbeit "Kindergeld – Deutschland und Länder", Dezember 2025, aus) · Mediendienst Integration · abgerufen am 02.09.2026
- Kindergeld ins Ausland: Wer wirklich etwas von den 528 Millionen Euro bekommt (mit Angaben und Zitaten der Bundesagentur für Arbeit) · inFranken.de · abgerufen am 02.09.2026
- Sozialbetrug beim Kindergeld? Diese Riesensumme fließt ins Ausland · Schwäbische Zeitung · abgerufen am 02.09.2026
5Debattenkultur
Wie miteinander geredet wurde
Zwei Skalen von 1 bis 10, gleiche Kriterien für alle Fraktionen: Themenfokus (10 = Redezeit konsequent beim Thema) und Konfrontation (10 = maximal konfrontativer Ton).
Die Unionsrednerinnen und -redner blieben in allen Debatten dicht am Gegenstand, etwa Weisgerber mit ihrem konkreten Änderungsvorschlag zur Auszahlung an die Kindesmutter. Gegenüber AfD und Linken wurde der Ton scharf, etwa als Amthor der AfD Moskau-Liebelei vorwarf und Wittmann eine Verkürzung der Redezeit bei Themenverfehlung ins Spiel brachte.
Klingbeil, Hostert und Dieren argumentierten eng an Gesetzentwurf und Arbeitszeitfrage, Esdar und Heiligenstadt verwendeten dagegen große Teile ihrer Redezeit auf die Widerlegung der AfD. Heiligenstadt verschärfte die Auseinandersetzung zusätzlich mit dem Vorwurf, AfD-Abgeordnete beschäftigten Verwandte ohne Tätigkeit.
Heuberger und Piechotta blieben eng an Gesetzentwurf und Kostenrechnung, Brantner nutzte die Kindergelddebatte dagegen weitgehend für Unterhaltsvorschuss und Tankrabatt, Dzienus für Kinderarmut und Wohngeld. In der Sache scharf, aber überwiegend mit Zahlen statt persönlichen Angriffen.
Gottschalk kündigte gleich zu Beginn an, nicht zum antragslosen Kindergeld sprechen zu wollen, Springer nutzte seine Rede überwiegend für Migrations- und Asylthemen bis hin zum Begriff Sozialtourist. Aufforderungen wie Treten Sie allesamt zurück und die Einteilung anderer Fraktionen in Verirrte und Verwirrte prägten den Ton.
Achelwilm und Zerr argumentierten sachlich am jeweiligen Antrag, Reichinnek weitete die Kindergelddebatte auf Elterngeld, Giftliste und die Schweizer Wohnsitzfrage der AfD-Fraktionsvorsitzenden aus. In der Aktuellen Stunde fiel gegenüber der AfD die Formulierung Arschkriecherei für Deutschland.
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