26. Februar 2026 · 59. Sitzung · 21. Wahlperiode
Bundestariftreuegesetz und Infrastruktur-Beschleunigung
Steuergeld nur noch mit Tarifvertrag
Der Bundestag beschließt das Bundestariftreuegesetz: Wer Aufträge des Bundes ab 50 000 Euro annimmt, muss Lohn, Urlaub und Arbeitszeit des repräsentativsten Tarifvertrags einhalten.
Union liefert, aber murrt
CDU/CSU stimmt vor allem wegen des Koalitionsvertrags zu. Berichterstatterin Sandra Carstensen nennt sich unzufrieden und kündigt Nachsteuern an, falls die Bürokratie wächst.
Grüne und Linke: zu viele Ausnahmen
Lieferaufträge, Bundeswehrbeschaffung bis 2032 und Aufträge unter 50 000 Euro bleiben außen vor. Die Linke verweigert deshalb die Zustimmung, die Grünen stimmen trotz Kritik zu.
Klimastreit ums Heizen
Katharina Dröge nennt die Heizungs-Eckpunkte einen politischen Totalschaden. Andreas Jung hält dagegen: Nichts habe dem Klimaschutz mehr geschadet als das alte Heizungsgesetz.
Tempo und Transparenz als Fernziele
Neu in Beratung: schnellere Planung von Straßen, Schienen und Wasserwegen sowie eine Reform der privaten Altersvorsorge. Beides wird das Parlament noch Wochen beschäftigen.
2Zahlen der Sitzung
So lief der Tag
Sitzungsdauer
13 Std. 44 Min.
Reden
165
Zwischenrufe
855
aus dem Protokoll gezählt
Abstimmungen
9
Redezeit je Fraktion
Näherung über die Wortzahl der Redebeiträge (~140 Wörter pro Minute)
1 Punkt = 1 Minute Redezeit
- Union3 Std. 18 Min.32,4 %
- SPD1 Std. 56 Min.19,0 %
- Grüne1 Std. 32 Min.15,1 %
- AfD2 Std. 15 Min.22,1 %
- Linke1 Std. 1 Min.10,0 %
- Sonstige9 Min.1,5 %
Wer ruft wem dazwischen?
Links, wer ruft – rechts, wer gerade am Rednerpult steht. Zwischenrufe aus dem Protokoll, soweit einer Fraktion zugeordnet.
Größter Strom: SPD → AfD (106 Zwischenrufe). Am häufigsten unterbrochen: Reden von AfD (282) und Union (249).
- Union ruft bei Reden von Union: 22
- Union ruft bei Reden von SPD: 2
- Union ruft bei Reden von Grüne: 19
- Union ruft bei Reden von AfD: 42
- Union ruft bei Reden von Linke: 15
- Union ruft bei Reden von Sonstige: 8
- SPD ruft bei Reden von Union: 15
- SPD ruft bei Reden von SPD: 8
- SPD ruft bei Reden von Grüne: 2
- SPD ruft bei Reden von AfD: 106
- Grüne ruft bei Reden von Union: 86
- Grüne ruft bei Reden von SPD: 21
- Grüne ruft bei Reden von Grüne: 14
- Grüne ruft bei Reden von AfD: 75
- Grüne ruft bei Reden von Linke: 5
- Grüne ruft bei Reden von Sonstige: 1
- AfD ruft bei Reden von Union: 104
- AfD ruft bei Reden von SPD: 93
- AfD ruft bei Reden von Grüne: 66
- AfD ruft bei Reden von AfD: 21
- AfD ruft bei Reden von Linke: 46
- AfD ruft bei Reden von Sonstige: 3
- Linke ruft bei Reden von Union: 22
- Linke ruft bei Reden von SPD: 10
- Linke ruft bei Reden von Grüne: 3
- Linke ruft bei Reden von AfD: 38
- Linke ruft bei Reden von Linke: 6
- Linke ruft bei Reden von Sonstige: 2
Die Abstimmungen
Bundestariftreuegesetz (zweite und dritte Lesung)
per Handzeichen
»Der Grund, warum heute das Tariftreuegesetz mit den Stimmen der Union beschlossen wird, ist der gleiche, warum die Arbeitszeitflexibilisierung kommen wird: Es steht so im Koalitionsvertrag, und diese Fraktion ist koalitionsvertragstreu.«
Als letzter Redner in der Debatte über das Bundestariftreuegesetz erklärt Winkel, warum seine Fraktion einem Gesetz zustimmt, das sie inhaltlich weiter kritisch sieht. Das Zitat macht den Charakter des Beschlusses als Koalitionskompromiss offen zum Thema.
Bundestag, 26. Februar 2026 – Tarifbindung, Bautempo und ein Streit über die Energiewende
Ein langer Sitzungstag mit einem roten Faden: Wohin fließen die Milliarden aus dem , und unter welchen Bedingungen? Die Koalition beschließt Tariftreue bei Bundesaufträgen, startet die Beratung über schnellere Planungsverfahren und verteidigt gleichzeitig ihren Kurswechsel beim Heizen.
Schlussabstimmung: Tariftreue bei Bundesaufträgen
Mit CDU/CSU, SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN verabschiedet das Haus das Bundestariftreuegesetz. Dagmar Schmidt (SPD) verbindet es direkt mit den Investitionen: Wer mit Steuergeld bezahlt werde, müsse sich an Tarifverträge halten. Wilfried Oellers (CDU/CSU) betont die Entlastungen – Lieferleistungen fallen heraus, Nachweise laufen über die Rentenversicherung. Pascal Meiser (Die Linke) nennt den Anwendungsbereich "löchrig wie ein Schweizer Käse". Die AfD spricht von einem "Tarifanwendungszwangsgesetz".
Oppositionsanträge: Heizen, Strompreise, Klimaziele
Katharina Dröge (Grüne) greift die Eckpunkte zum Gebäudemodernisierungsgesetz frontal an und warnt vor Kostenfallen für Mieterinnen und Mieter. Jakob Blankenburg (SPD) verteidigt das Vorgehen als Eckpunkte, die erst im Verfahren konkretisiert würden. Klaus Wiener (CDU/CSU) rechnet Entlastungen von 10 Milliarden Euro vor. Die Anträge von Grünen und Linken werden abgelehnt.
Erste Lesung: Infrastruktur-Zukunftsgesetz
Verkehrsminister Patrick Schnieder (CDU/CSU) kündigt überragendes öffentliches Interesse für Straßen, Schienen und Wasserstraßen, vollständig digitale Planfeststellungsverfahren und Genehmigungsfristen an. Rheinland-Pfalz' Staatsministerin Katrin Eder kritisiert fehlende Priorisierung und beschnittene Beteiligungsrechte, Jorrit Bosch (Die Linke) führt den Verfall auf Sparpolitik statt auf Umweltklagen zurück.
Debatte über Verwandtenbeschäftigung
Alle übrigen Fraktionen werfen der AfD vor, systematisch Angehörige über Kreuz in Abgeordnetenbüros zu beschäftigen. Thomas Silberhorn (CDU/CSU) spricht von möglicher Untreue und Abgeordnetenbestechung, Sonja Eichwede (SPD) kündigt eine Verschärfung des Abgeordnetengesetzes an. Jörn König (AfD) verweist auf Fälle anderer Parteien und lehnt Selbstkritik ab.
Weitere Beschlüsse und Einbringungen
Angenommen werden das Wasserstoff-Beschleunigungsgesetz, die Novelle des Luftsicherheitsgesetzes zur Drohnenabwehr, ein Luftraumabkommen mit Österreich und die Neuregelung der Vaterschaftsanfechtung. Eingebracht: Reform der privaten Altersvorsorge, Anti-SLAPP-Gesetz und Mietrechtsvorlagen der Grünen.
3Top-Themen
Worum es wirklich ging
Thema 1
Tariftreue bei Aufträgen des Bundes
Worum es geht
Der Bund investiert in den kommenden Jahren hunderte Milliarden Euro aus dem Sondervermögen in Straßen, Schienen, Gebäude und Netze. Bisher konnten Firmen solche Aufträge auch dadurch gewinnen, dass sie ihre Beschäftigten schlechter bezahlten als tarifgebundene Konkurrenten. Das neue Bundestariftreuegesetz verpflichtet Auftragnehmer ab einem Auftragswert von 50 000 Euro, die Arbeitsbedingungen des repräsentativsten Tarifvertrags einzuhalten – festgelegt per Rechtsverordnung des Arbeitsministeriums im Benehmen mit dem Wirtschaftsministerium. Im parlamentarischen Verfahren wurden Lieferleistungen herausgenommen, Bundeswehraufträge bleiben bis 2032 ausgenommen. Die Tarifbindung in Deutschland liegt nach Angaben mehrerer Redner bei unter 50 Prozent, in den 1990er-Jahren waren es 80 Prozent.
Was heißt das für dich?
Wenn du auf einer Baustelle, im Gleisbau, in der Reinigung oder im Handwerk für ein Unternehmen arbeitest, das Bundesaufträge ausführt, bekommst du künftig Lohn, Arbeitszeit und Urlaub nach Tarifniveau. Laut Debatte liegt der Unterschied im Schnitt bei 11 Prozent Lohn oder rund 2 900 Euro netto im Jahr, im Osten rund 3 400 Euro. Auch Urlaubsgeld wird wahrscheinlicher: 72 Prozent mit Tarifvertrag, 34 Prozent ohne. Arbeitest du in einem kleinen Betrieb, kommen Nachweis- und Prüfpflichten hinzu, die über Zertifikate und Daten der Rentenversicherung verringert werden sollen. Aufträge unter 50 000 Euro, Lieferungen und Rüstungsbeschaffung bleiben zunächst unberührt.
Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
Die Union stellt gleiche Wettbewerbsbedingungen in den Mittelpunkt, betont aber Zweifel an Wirkung und Bürokratiekosten. Sie verweist auf Herausnahme der Lieferleistungen, Privilegierung tarifgebundener Betriebe und eine angekündigte Evaluation mit möglicher Korrektur.
»Und dennoch bin ich alles andere als zufrieden mit diesem Gesetz.«– Sandra Carstensen
Die SPD sieht das Gesetz als überfälligen Grundsatz: Steuergeld darf keine Tarifflucht finanzieren. Sie räumt ein, dass das Ergebnis ein Kompromiss ist, und will den Sinkflug der Tarifbindung stoppen.
»Es ist ein guter Kompromiss; denn das Tariftreuegesetz macht einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung.«– Jan Dieren
Die Grünen stimmen zu, kritisieren aber die Ausnahmen für Lieferaufträge, Verteidigung und kleine Aufträge sowie unklare Kontrollen. Sie verweisen auf das EU-Ziel von 80 Prozent Tarifbindung und legen einen Entschließungsantrag mit eigenen Vorschlägen vor.
»Ich finde es gut, dass dieses Gesetz heute beschlossen wird; denn es schafft Wettbewerbsgleichheit für diejenigen, die gute Löhne zahlen, und ist damit Ausdruck eines Grundsatzes: Kein Steuergeld für Lohndumping.«– Ricarda Lang
Die AfD lehnt das Gesetz als staatlichen Zwang und Angriff auf die Tarifautonomie ab. Sie erwartet mehr Bürokratie, Haftungsrisiken durch Nachunternehmerhaftung und Nachteile für kleine Betriebe und Start-ups.
»Es ist kein Tariftreuegesetz, sondern ein Tarifanwendungszwangsgesetz, liebe Kollegen.«– Peter Bohnhof
Die Linke unterstützt das Ziel, verweigert aber die Zustimmung. Sie kritisiert Schwellenwerte, den Ausschluss von Lieferleistungen und Bundeswehrbedarfen sowie fehlende Nachweispflichten für Subunternehmer und Leiharbeit und fordert einen Aktionsplan Tarifbindung.
»Doch ein Tariftreuegesetz, das nur die Hälfte der Aufträge und etwa 40 Prozent des Auftragsvolumens umfasst, ist leider nur ein halbes Tariftreuegesetz.«– Pascal Meiser
Thema 2
Heizen, Strompreise und Klimaziele
Worum es geht
Das Bundesverwaltungsgericht hat im Januar festgestellt, dass das Klimaschutzprogramm nicht geeignet ist, die gesetzlichen Ziele zu erreichen; die Bundesregierung muss nachlegen. Parallel haben sich die Fraktionsspitzen von Union und SPD auf Eckpunkte für ein Gebäudemodernisierungsgesetz verständigt, das die 65-Prozent-Vorgabe für erneuerbare Energien beim Heizungstausch ersetzt und stattdessen auf Technologieoffenheit und eine Quote für grüne Gase setzt. Die Grünen forderten mit einem Antrag einen "Klima-Turbo", die Linke niedrigere Strom- und Wärmekosten. Umweltminister Carsten Schneider soll bis Ende März ein neues Klimaschutzprogramm vorlegen. Beide Oppositionsanträge wurden abgelehnt.
Was heißt das für dich?
Wenn du zur Miete wohnst, entscheidet diese Debatte darüber, wie teuer deine Heizkostenabrechnung wird: Über die Heizungsart bestimmt dein Vermieter, steigende Gas- und CO2-Kosten landen bei dir. Die Grünen rechnen mit Mehrkosten von 300 Euro und mehr pro Jahr, die Koalition verspricht Mieterschutz und Förderung im Gesetzgebungsverfahren. Besitzt du ein Haus, bekommst du mehr Wahlfreiheit bei der Heizung, trägst aber selbst das Risiko künftiger Brennstoffpreise. Beim Strom sind Netzentgelte, Gasspeicherumlage und Stromsteuer die Hebel; die Senkung der Stromsteuer für alle Haushalte steht weiter unter Finanzierungsvorbehalt.
Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
Die Union verteidigt Technologieoffenheit und setzt neben Strom auf grüne Gase, Bioenergie und Wasserstoff. Sie verweist auf Entlastungen bei Netzentgelten und Stromsteuer und erklärt gesellschaftliche Akzeptanz zur Voraussetzung für Klimaschutz.
»Nichts hat der Akzeptanz für Klimaschutz in Deutschland mehr geschadet als Ihr Heizungsgesetz.«– Andreas Jung
Die SPD nennt das Gerichtsurteil einen Handlungsauftrag und kündigt ein fristgerechtes Klimaschutzprogramm an. Sie will Klimaschutz mit sozialer Staffelung und Industriepolitik verbinden und beim Mieterschutz im Gesetzgebungsverfahren nachschärfen.
»Wer Klimaschutz gegen Industrie ausspielt, verliert am Ende beides.«– Jakob Blankenburg
Die Grünen sehen in den Heizungs-Eckpunkten einen Rückschritt, der Klimaschutz abschafft und Heizen teurer macht. Sie warnen vor neuer Abhängigkeit von fossilem Gas und fordern ein verbindliches, sozial abgesichertes Klimaschutzprogramm.
»Ihr Kurs ist Zerstörung.«– Katharina Dröge
Die AfD fordert den Ausstieg aus Klimaabkommen und Klimagesetzen, die Abschaffung der CO2-Bepreisung und eine Rückkehr zur Kernenergie. Sie bestreitet die Kostenvorteile erneuerbarer Energien wegen der Systemkosten.
»Streichen Sie die Klimagesetze jetzt!«– Dr. Ingo Hahn
Die Linke kritisiert fehlende Verfassungskonformität der Klimapolitik und fordert ein Klimageld von 320 Euro pro Person und Jahr. Sie will Netze in öffentlicher Hand finanzieren und die Stromsteuer auch für Privathaushalte senken.
»Während die Welt also auf 3 Grad Erwärmung zurast, bleibt Deutschland weiterhin versetzungsgefährdet.«– Dr. Fabian Fahl
Thema 3
Schneller planen, schneller bauen
Worum es geht
Mit dem Infrastruktur-Zukunftsgesetz will die Bundesregierung Planung und Genehmigung von Verkehrsprojekten beschleunigen. Kern ist das überragende öffentliche Interesse für wichtige Vorhaben bei Straße, Schiene und Wasserstraße, die vollständige Digitalisierung der Planfeststellungsverfahren, der Wegfall von Doppelprüfungen und Fristen, deren Verstreichen als Zustimmung gilt. In dieser Wahlperiode stehen laut Minister Patrick Schnieder rund 170 Milliarden Euro für Verkehrsinvestitionen bereit, 60 Prozent mehr als zuvor. Umstritten sind Einschränkungen bei Beteiligungsrechten, der vorzeitige Maßnahmenbeginn, die Gleichstellung von Ersatzgeld und Ausgleichsmaßnahmen und die Rechte der Wasserbehörden. Das Gesetz wurde in erster Lesung beraten.
Was heißt das für dich?
Für dich entscheidet das darüber, wie lange du noch im Stau vor einer gesperrten Brücke stehst oder auf eine ausgebaute Bahnstrecke wartest. Experten rechnen laut Minister mit bis zu 30 Prozent kürzeren Verfahren allein durch Digitalisierung. Gleichzeitig wird es schwieriger, gegen Projekte in deiner Nachbarschaft Einwände vorzubringen, und Ausgleich für Natureingriffe kann künftig eher über Geldzahlungen als über neue Lebensräume erfolgen. Wer im Bau, in der Planung oder im Handwerk arbeitet, kann mit stetigerem Auftragsfluss rechnen – vorausgesetzt, es finden sich genug Fachkräfte und Ingenieure.
Wo die Fraktionen stehen5 Positionen
Die Union will priorisieren, digitalisieren und Bürokratie reduzieren und verspricht, Umweltstandards unangetastet zu lassen. Sie kündigt zudem an, das Verbandsklagerecht einzuschränken, damit nur klagen kann, wer sich früh beteiligt hat.
»Deutschland braucht ein Comeback der Infrastruktur.«– Patrick Schnieder
Die SPD begründet das Tempo mit jahrzehntelangen Verzögerungen wie beim Ausbau der Strecke Emmerich–Oberhausen. Sie betont, Beschleunigung dürfe nicht zulasten von Beteiligung und Wasserwirtschaft gehen, und will im Verfahren nachschärfen.
»Deutschland muss schneller werden.«– Dirk Vöpel
Die Grünen fordern Vorrang für Sanierung und Schienenneubau statt pauschaler Privilegierung von Autobahnen und Lkw-Stellplätzen. Sie halten Umweltverbände für einen Sündenbock und verweisen auf wenige erfolgreiche Klagen.
»Wer alles beschleunigt, beschleunigt am Ende nichts.«– Swantje Henrike Michaelsen
Die AfD begrüßt Beschleunigung, hält das Gesetz aber für zu wenig ambitioniert und fordert stattdessen vor allem Einschnitte beim Verbandsklagerecht. Sie will Straßenbau priorisieren und Mittel aus Migration, Bürgergeld und Energiewende umschichten.
»Dieses Gesetz trägt seinen Namen zu Unrecht.«– Wolfgang Wiehle
Die Linke sieht die Ursache im Kaputtsparen und in fehlendem Personal, nicht im Naturschutzrecht. Sie fordert dauerhafte Stellen in den Behörden, Priorität für Instandhaltung und die Abschaffung der Schuldenbremse.
»Wenn eine Brücke gesperrt wird, dann nicht, weil ein Feldsperling Akteneinsicht beantragt hat.«– Jorrit Bosch
4Faktencheck
Behauptungen im Check
Überprüfbare Tatsachenbehauptungen aus der Debatte, recherchiert mit aktuellen Quellen und redaktionell geprüft. Bewertet werden Aussagen, nicht Personen – zur Methodik.
»Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer leisteten 2024 1,2 Milliarden Überstunden und die Hälfte davon unbezahlt.«
Begründung des Bundestariftreuegesetzes mit der Arbeitsbelastung von Beschäftigten.
So haben wir geprüft
Beide Zahlen lassen sich an amtlichen Quellen nachvollziehen. Grundlage ist die Arbeitszeitrechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), der Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit – sie liefert die Arbeitsstundendaten für die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen des Statistischen Bundesamtes. Laut IAB leistete jede abhängig beschäftigte Person 2024 im Schnitt 13,1 bezahlte und 15,1 unbezahlte Überstunden, also 2,2 unbezahlte beziehungsweise 0,1 bezahlte Überstunden weniger als im Vorjahr. Hochgerechnet auf alle Beschäftigten nennt eine Bundestags-Drucksache genau diesen Wert: Im Jahr 2024 wurden insgesamt 1,2 Milliarden Überstunden geleistet, davon waren mehr als die Hälfte, nämlich 53,6 Prozent, unbezahlt – das entspricht einer Arbeitsleistung von über 750.000 Vollzeitstellen. In absoluten Zahlen weist die Bundesregierung für 2024 552,1 Millionen bezahlte und 637,5 Millionen unbezahlte Überstunden aus – zusammen rund 1,19 Milliarden.
Die Formulierung „die Hälfte" ist damit sogar leicht konservativ: Tatsächlich waren es gut 53 Prozent. Eine methodische Einordnung ist wichtig: Das IAB zählt Überstunden „im engeren Sinne", also Mehrarbeit, die weder mit Geld noch mit Freizeit ausgeglichen wird, gilt als unbezahlt – Stunden, die auf ein Arbeitszeitkonto laufen und später abgefeiert werden, fallen nicht unter „unbezahlt". Das ist relevant, weil Destatis mit einem anderen Messansatz (Befragung) zu anders aussehenden Werten kommt: 19 Prozent der Betroffenen leisteten 2024 unbezahlte Überstunden, 16 Prozent wurden bezahlt, 71 Prozent nutzten ein Arbeitszeitkonto. Beide Zahlen widersprechen sich nicht – sie messen Unterschiedliches (Anteil an Personen vs. Anteil am Stundenvolumen).
Einschränkend bleibt: Zum Zeitpunkt der Rede im Februar 2026 sind die 2024er-Zahlen nicht mehr die aktuellsten verfügbaren Jahresdaten; das IAB veröffentlicht seine Jahresrechnung üblicherweise im Frühjahr. Da die Aussage ausdrücklich das Jahr 2024 benennt, ist sie aber korrekt datiert.
Quellen
- Ergebnisse der IAB-Arbeitszeitrechnung für das Jahr 2024 · Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für ArbeitPrimärquelle · abgerufen am 12.10.2026
- Drucksache 21/755: Antwort der Bundesregierung (Kleine Anfrage Grüne, Überstunden) · Deutscher BundestagPrimärquelle · abgerufen am 12.10.2026
- Drucksache 21/474: Kleine Anfrage zu finanziellen Anreizen für Mehrarbeit · Deutscher BundestagPrimärquelle · abgerufen am 12.10.2026
- 4,4 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben 2024 Mehrarbeit geleistet (PM N038, 24.07.2025) · Statistisches BundesamtPrimärquelle · abgerufen am 12.10.2026
- Policy Brief Nr. 93: Steuerliche Freistellung von Überstundenzuschlägen · Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (Hans-Böckler-Stiftung) · abgerufen am 12.10.2026
- Index Gute Arbeit Kompakt 02/2025: Überstunden – Weniger ist mehr · Deutscher Gewerkschaftsbund · abgerufen am 12.10.2026
- Fast die Hälfte der Überstunden im Gesundheits- und Sozialwesen unbezahlt · Deutsches Ärzteblatt · abgerufen am 12.10.2026
5Debattenkultur
Wie miteinander geredet wurde
Zwei Skalen von 1 bis 10, gleiche Kriterien für alle Fraktionen: Themenfokus (10 = Redezeit konsequent beim Thema) und Konfrontation (10 = maximal konfrontativer Ton).
In den Fachdebatten zu Tariftreue, Infrastruktur und Luftsicherheit argumentierte die Fraktion durchgehend am Gegenstand, etwa mit Detailerläuterungen zur Präqualifikation. In der Debatte über Verwandtenbeschäftigung wurde der Ton scharf, bis zur Formulierung, die AfD sei "eine Schande für jedes Parlament".
Die SPD blieb bei Tariftreue, Energie und Mietrecht eng am Thema und legte Zahlen zu Lohnunterschieden und Urlaubsgeld vor. Gegen die AfD wurde sie deutlich, etwa mit dem Vorwurf, deren Vorgehen grenze an Clankriminalität.
Inhaltlich konkret mit Rechenbeispielen zu Kosten der privaten Altersvorsorge und zur Grüngasquote in Bayern. Gegenüber Koalition und AfD jedoch sehr scharf, etwa mit dem Vorwurf an die AfD, Treue nur gegenüber dem Kontostand der eigenen Familienmitglieder zu kennen.
Mehrfach nutzte die Fraktion Redezeit für andere Themen, etwa Migration in der Infrastrukturdebatte oder Landtagswahlkampf und CDU-Parteitag in der Tariftreuedebatte. Zugleich dominierten persönliche Angriffe, etwa die Aufforderung an eine Rednerin, mit ihrem "Elend" Schluss zu machen, und der Zwischenruf vom Hass auf die Politik anderer.
Starke Sachbeiträge zu Tariftreue, Netzentgelten und Mietenstatistik, teils aber Ausweitung auf grundsätzliche Systemkritik. Gegen die AfD gingen die Reden weit über Sachkritik hinaus, etwa mit der Forderung nach einem Parteiverbot und dem Hinweis, ein Antrag sei ein Fall für die Staatsanwaltschaft.
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