Sitzung 21/76 · 06. Mai 2026
Was im Bundestag verhandelt wurde
Niemand wandert in unsere Sozialsysteme ein.
Bärbel Bas antwortete damit auf eine Nachfrage des AfD-Abgeordneten René Springer, der behauptete, Zuwanderer würden gezielt in deutsche Sozialsysteme einwandern. Bas entgegnete knapp und direkt und verwies stattdessen auf den Fachkräftemangel.
Management Summary
Was du wissen musst
Bundestag, 6. Mai 2026 – Sozialstaat, Industrie und innere Sicherheit im Fokus
Was hält Deutschland in der Krise zusammen – und wer zahlt die Zeche? Diese Frage zog sich wie ein roter Faden durch eine Sitzung, die von der Regierungsbefragung über eine hitzige Debatte zur Wirtschaftspolitik bis hin zu einem umstrittenen AfD-Antrag zur Kriminalstatistik reichte.
Regierungsbefragung: Arbeitsmarkt, Rente und Entwicklungspolitik
Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) stellte die Vorhaben ihrer Bundesregierung vor: ein neues Arbeitszeitgesetz mit mehr Flexibilität für Familien soll im Juni kommen, die Sozialstaatskommission hat 26 Empfehlungen vorgelegt, die schrittweise umgesetzt werden sollen. Auf Druck von Grünen und Linken zu Rentenalter und Eingliederungshilfe blieb Bas bewusst vage – sie verwies auf laufende Kommissionsarbeit. Zum Lohn in Behindertenwerkstätten (aktuell rund 1,50 Euro pro Stunde) stimmte sie Sören Pellmann (Die Linke) zu, dass das nicht ausreiche, nannte aber noch keinen konkreten Zeitplan.
Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) berichtete über die humanitäre Krise infolge der Blockade der Straße von Hormus und verteidigte das deutsche Engagement trotz Haushaltsdruck. Grünen-Abgeordnete konfrontierten sie mehrfach mit den Widersprüchen zwischen verbaler Solidarität und faktischen Kürzungen im Entwicklungsetat – die Ministerin verwies dabei auch auf Kürzungen, die bereits unter der Vorgängerregierung beschlossen wurden.
Aktuelle Stunde: Ein Jahr Regierung Merz – Wirtschaftsstandort Deutschland
Dr. Bernd Baumann (AfD) eröffnete die Debatte mit einer Generalabrechnung gegen die Koalition und forderte Neuwahlen. Gitta Connemann (CDU/CSU) konterte sachlich und verteidigte die Industriepolitik der Regierung. Julian Joswig (Grüne) kritisierte fehlende Gesetze im Energiebereich und bezeichnete den Tankrabatt als Subvention für Mineralölkonzerne. Sebastian Roloff (SPD) verwies auf externe Schocks wie den Irankrieg als Hauptgrund für das stockende Wachstum. Mirze Edis (Die Linke) griff sowohl AfD als auch Bundesregierung scharf an und forderte aktive Industriepolitik mit sozialen Bedingungen.
AfD-Antrag: Kriminalstatistik und Migrationshintergrund
Die AfD forderte, die Polizeiliche Kriminalstatistik um Angaben zu Migrationshintergrund und Mehrstaatigkeit zu erweitern. Dr. Irene Mihalic (Grüne) und Helge Lindh (SPD) wiesen das als ideologisch motivierte Stigmatisierung zurück. Frederik Bouffier (CDU/CSU) betonte, die Regierung handle bereits – etwa mit elektronischer Fußfessel und erweiterter IP-Datenspeicherung. Der Antrag wurde abgelehnt.
Stimmung der Debatte
Wie wurde diskutiert?
Die Debatte war überwiegend sachlich und lösungsorientiert.
Die Positionen gingen deutlich auseinander – es wurde leidenschaftlich diskutiert.
Die Debatte war von scharfen Auseinandersetzungen und persönlichen Angriffen geprägt.
Einordnung dieser Sitzung
Die Sitzung war geprägt von scharfen gegenseitigen Angriffen, besonders in der Aktuellen Stunde und der Debatte zur Kriminalstatistik. AfD-Redner wie Baumann und Hess griffen die Koalition und andere Fraktionen grundsätzlich an, während Redner von Linken und Grünen mit harten Gegenangriffen reagierten. Selbst die Regierungsbefragung verlief stellenweise konfrontativ, etwa wenn Grüne-Abgeordnete der Entwicklungsministerin Unglaubwürdigkeit vorwarfen.
Die wichtigsten Themen
Worum es wirklich ging
Rente und Sozialstaat unter Spardruck
Hintergrund
Die Bundesregierung arbeitet an einer großen Sozialstaatsreform, deren Empfehlungen eine unabhängige Kommission erarbeitet hat. Parallel soll im Bundeshaushalt gespart werden – auch im Bereich Rente und Sozialleistungen. Die Rentenkommission soll im Juni Vorschläge vorlegen, ob und wie das Rentensystem langfristig umgebaut werden soll. Umstrittene Punkte: mögliche Erhöhung des Rentenalters über 67 hinaus und Kürzungen beim Wohngeld.
Was heißt das für dich?
Wer heute ins Berufsleben startet, zahlt jahrzehntelang in die Rentenversicherung ein. Wenn das System nicht reformiert wird, drohen stark steigende Beiträge – und damit weniger Nettolohn. Gleichzeitig entscheidet sich jetzt, ob die gesetzliche Rente künftig nur noch eine Basisabsicherung ist oder wirklich reicht. Auch Wohngeld betrifft viele junge Menschen mit geringem Einkommen direkt.
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Die Union setzt auf Strukturreformen und mehr Flexibilität im Arbeitszeitgesetz, um die Wirtschaft zu stärken und damit die Finanzierungsbasis des Sozialstaats zu sichern. Das neue Arbeitszeitgesetz soll Familien bessere Vereinbarkeit ermöglichen.
Bas betont, das Rentenniveau sei mit dem Rentenpaket stabilisiert worden. Eine Erhöhung des Rentenalters über 67 hinaus schließt sie nicht explizit aus – sie will erst die Ergebnisse der Kommission abwarten. Der Sozialstaat soll 'klüger, nicht kleiner' werden.
„Soziale Sicherheit soll nicht kleiner werden, sondern klüger."
Die Grünen warnen vor Kürzungen beim Wohngeld und in der Eingliederungshilfe. Sie fordern belastbare Folgenabschätzungen für geplante Maßnahmen und mehr Investitionen in Prävention und Rehabilitation.
„50 Prozent der Wohngeldbeziehenden sind Rentner/-innen."
Die Linke fordert klare Absagen an eine weitere Erhöhung des Rentenalters und kritisiert, dass der aktuelle Sozialstaat bereits nicht ausreicht, um Armut zu verhindern. Sören Pellmann mahnt auch faire Entlohnung in Behindertenwerkstätten an.
„Wie erklären Sie Menschen, dass sie mit circa 200 Euro netto Einkommen im Monat ihr Leben gestalten sollen?"
Wirtschaftsstandort Deutschland: Krise und Kurs
Hintergrund
Ein Jahr nach Amtsantritt der Regierung Merz zieht die AfD eine vernichtende Bilanz und fordert Neuwahlen. Die wirtschaftliche Lage ist tatsächlich angespannt: Der Irankrieg und die Blockade der Straße von Hormus treiben Energie- und Frachtkosten hoch, Industriearbeitsplätze gehen verloren. Die Koalition verweist auf ihr 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen und gesenkte Energiepreise.
Was heißt das für dich?
Verliert die Industrie massenhaft Arbeitsplätze, trifft das besonders Berufseinsteiger. Wer nach der Ausbildung oder dem Studium keinen Job findet, startet mit schlechten Karten ins Arbeitsleben. Hohe Energiepreise verteuern außerdem alles – vom Supermarkt bis zur Miete. Wer in die Wirtschaft einsteigt, muss wissen: Das alte Modell Deutschlands funktioniert nicht mehr wie gewohnt.
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Die Union sieht ihre Koalition auf Kurs und verweist auf konkrete Maßnahmen: Industriestrompreis genehmigt, Stromsteuer gesenkt, Gasspeicherumlage abgeschafft. Deutschland müsse Industrieland bleiben – Chemi-, Automobil-, Maschinenbauland.
„Fast jeder fünfte Euro unserer Wirtschaftsleistung entsteht nämlich in der Industrie."
Die SPD verweist auf externe Schocks (Irankrieg, Trump-Zölle) als Hauptursache der Konjunkturflaute. Langfristig setzt die Partei auf Klimaschutzverträge und staatliche Unterstützung bei der Transformation energieintensiver Industrien.
„Das Zeitalter ausschließlich freier Märkte ist vorbei."
Die Grünen kritisieren fehlende Gesetzgebung in der Energiepolitik und werfen der Regierung vor, das Sondervermögen für Wahlgeschenke statt Zukunftsinvestitionen zu nutzen. Der Tankrabatt subventioniere Mineralölkonzerne statt Bürger zu entlasten.
„Keine Koalition hatte so gute Chancen wie diese mit einem Sondervermögen von 500 Milliarden Euro."
Die AfD fordert das Ende der Koalition und Neuwahlen. Sie plädiert für Kernkraft, Verbrenner und den Ausstieg aus angeblich schädlicher Klimapolitik. Außerdem sollen Ausgaben für Migrationsprogramme eingespart und Steuern gesenkt werden.
„Beenden Sie diese Koalition! Denn wenn Sie es nicht tun, beenden Sie Deutschland, so wie wir es kennen."
Die Linke fordert einen starken, gestaltenden Staat mit echter Industriepolitik und sozialen Bedingungen für Staatssubventionen. Sie kritisiert, dass Aktionäre 60 Milliarden Euro Dividenden kassierten, während Arbeitnehmer um ihre Jobs fürchten.
„Kein Geld ohne Bedingung! Wer Steuergeld bekommt, muss liefern."
Polizeiliche Kriminalstatistik und Migration
Hintergrund
Die AfD beantragte, die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) künftig um Angaben zu Migrationshintergrund und Mehrstaatigkeit auch bei deutschen Staatsbürgern zu ergänzen. Die PKS 2025 zeigt einen leichten Rückgang der Gesamtkriminalität, aber weiterhin hohe Werte bei Gewaltkriminalität. Im Protokoll wird auch über die Rechtmäßigkeit von Grenzkontrollen debattiert.
Was heißt das für dich?
Sicherheit im öffentlichen Raum – in der Bahn, auf dem Weg nach Hause, am Bahnhof – ist für viele junge Menschen ein konkretes Thema. Gleichzeitig leben Millionen junger Menschen in Deutschland mit Migrationshintergrund und sind von einer politischen Stigmatisierung direkt betroffen. Wie Sicherheitsdaten erhoben, interpretiert und politisch genutzt werden, beeinflusst, wie diese Gesellschaft mit ihnen umgeht.
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Die Union lehnt den AfD-Antrag ab, betont aber, dass ausländische Tatverdächtige bei bestimmten Delikten überrepräsentiert seien und das benannt werden müsse. Die Regierung handle bereits mit konkreten Maßnahmen wie elektronischer Fußfessel und erweiterter IP-Datenspeicherung.
„Wer straffällig wird, muss gehen. Humanität braucht Ordnung, und Ordnung braucht Durchsetzung."
Die SPD warnt vor einer Pauschalisierung und betont, dass Kriminalität durch soziale Faktoren wie Armut und fehlende Integration mitbedingt wird. Sie lehnt eine rein nationalitätsbezogene Erklärung von Kriminalität ab.
„Genauso falsch ist es, kriminelles Verhalten allein mit der Nationalität zu begründen."
Die Grünen kritisieren den AfD-Antrag als ideologisch und biologistisch. Mihalic betont, die PKS bilde nur Tatverdächtige ab, nicht Täter, und werde durch Anzeigeverhalten und Kontrolldichte beeinflusst. Echte Sicherheit brauche Prävention, bessere Opferunterstützung und Frauenhausplätze.
„Für die AfD entscheidet nämlich nicht die Staatsangehörigkeit darüber, wer Deutscher ist, sondern die Abstammung."
Die AfD will mehr Transparenz in der PKS: Migrationshintergrund und Mehrstaatigkeit sollen auch bei deutschen Tatverdächtigen erfasst werden. Die Partei argumentiert, nur so lasse sich die Sicherheitslage ehrlich analysieren.
„Wer maximale Transparenz in Deutschland herstellen will, wer Deutschland wieder sicher machen will, der stimmt den Maßnahmen dieses Antrages zu."
Die Linke sieht im AfD-Antrag Stimmungsmache gegen Migranten. Sie verweist auf strukturelle Schwächen der PKS, auf Racial Profiling als verfälschenden Faktor und fordert stattdessen mehr Prävention, Frauenhäuser und Sozialarbeit.
„Bessere Standards in Notunterkünften, schnellere Aufnahmeverfahren, schnellere Arbeitserlaubnisse würden vielen Delikten den Nährboden tatsächlich entziehen."
Themenfokus & Konfrontation
Wer blieb beim Thema – wer griff an?
Eine KI-Einordnung, wie konsequent die Fraktionen beim eigentlichen Thema geblieben sind – und wie konfrontativ sie dabei gegenüber anderen aufgetreten sind.
Skala 1–10 · Themenfokus: 10 = voll beim Thema, 1 = vom Thema abgewichen · Konfrontation: 1 = konstruktiv, 10 = maximal konfrontativ
CDU/CSU-Redner blieben überwiegend sachbezogen und verteidigten Regierungshandeln mit konkreten Beispielen. Gelegentliche Seitenhiebe gegen AfD und Opposition, aber insgesamt konstruktiv und auf die Tagesordnungspunkte fokussiert.
Die SPD-Redner und Ministerin Bas blieben in der Regierungsbefragung weitgehend sachlich, wichen aber schwierigen Fragen aus. In der Aktuellen Stunde und der Sicherheitsdebatte positionierten sie sich klar, ohne übermäßig zu provozieren.
Die Grünen stellten in der Regierungsbefragung wiederholt kritische, themenbezogene Fragen, wurden aber zunehmend konfrontativer gegenüber der Ministerin. In der Wirtschaftsdebatte und Sicherheitsdebatte klare Abgrenzung zur AfD mit scharfer Rhetorik, aber ohne persönliche Angriffe.
AfD-Redner nutzten ihre Redezeit häufig für grundsätzliche Systemkritik, Forderungen nach Neuwahlen und aggressive Angriffe auf die Koalition und andere Fraktionen. Besonders Baumann und Hess gingen weit über das Thema hinaus und griffen persönlich an.
Die Linke war engagiert und teils lautstark, blieb aber meistens inhaltlich angebunden. Edis in der Wirtschaftsdebatte und Lindh in der Sicherheitsdebatte griffen sowohl AfD als auch Bundesregierung scharf an, was die Konfrontation erhöhte.
